Böse Bilder – die Rückseite der Seele

 

An diesem Wochenende zeigt die Kölner Künstlerin Marianne Lindow „Böse Bilder“ im Quartier am Hafen in Q18. Wir haben sie uns angesehen und befinden: Ja, sie sind böse.

Mein allererster Eindruck war: Ach, guck mal, Marianne malt auch liebliche Bilder, alles so hell und so viel rosa, und so gar nichts mit Krieg, Tod und Gewalt (wie ich es halt sonst so kenne von ihr). Noch bevor ich mir aber Gedanken darüber machen konnte, welcher Sinneswandel die Künstlerin wohl überkommen haben mag und ob ich mir ernsthaft Sorgen um Marianne machen muss, verflüchtigte sich der erste Eindruck auch schon wieder. Sehr schnell stellten sich Wirkungen ein von unheimlich, krank, missgebildet, fies und irgendwie schmierig-anzüglich – und das auch sehr wuchtig. Ich kam mir vor, als stünde ich in einem großen altägyptischen Grabmal, das ringsum mit eigentümlichen, riesigen Gestalten bemalt ist.

Natürlich geht das dann gleich los mit dem wilden Heruminterpretieren – nicht nur, weil man schließlich irgendwas Schlaues sagen will, sondern es geht einem dann tatsächlich erst mal besser. Welche Story wollte die Künstlerin erzählen? Welche Themen assoziiert man mit den Bildern? Schnell hat sich auch eine Erklärung für das Ganze gefunden: „Das ist eine Freak-Show“. Aha. Das ist wie bei einem Verkehrsunfall. Mit Sprüchen wie „Der kam von rechts“ oder „Der hatte Vorfahrt“ ordnet man das Geschehen ein und hat es erst einmal verarbeitet.

Aber irgendwie passt das alles nicht, alle Einordnungen lösen sich wieder auf, es bleibt unbestimmt. Also am besten nicht weiter rätseln, sondern sich erst mal ein Bier holen. Das was bleibt, und was man für sich dann einfach so stehen lässt, das sind diese wuchtigen Materialqualitäten (lassen sich mit einem kühlen Bier aber immerhin besser ertragen).

Vor ein paar Jahren gelang es Marianne Lindow, mit ihrer Installation „Home Sweet Home oder das große Paradies“ (KULTICK berichtete), die materiale und stoffliche Seite unserer Erfahrungen zu zeigen. War es damals das stoffliche Material der Ambivalenz unserer Kindheitserinnerungen, sind es hier auch wieder die körperlich-stofflich-sinnlichen Seiten unseres Erlebens. Es scheint mir diesmal nur thematisch viel offener und universeller zu sein. Auch wenn Körper und Menschen in den Darstellungen dominieren, geht es für mich doch mehr um die Abgründe der inneren Erfahrungswelt.

Oder man könnte auch sagen: Die bösen Bilder zeigen die Rückseite der Seele. Und die ist nun mal fies, schwielig-schuppig, ranzig, teils auch verfaulend, verfallend oder abgestorben, hilfesuchend, resigniert oder gewalttätig und vieles mehr. Vielleicht halten uns die Bilder den Spiegel unserer eigenen Erfahrungen, Ängste, Alpträume oder auch Gelüste vor? All das, was im sozial verträglich gemachten Alltag allenfalls kurz aufblitzt, aber meist weggedrängt wird: Die bösen Fantasien den Kollegen gegenüber, die verbotenen Gelüste, die peinlichen Momente, oder auch die tiefe Traurigkeit oder das Gewahrwerden der Brutalität des Alterns und der Vergänglichkeit. Das Schöne daran ist – oder besser das Böse daran – jeder findet hier etwas wieder, seine eigene, ganz individuelle Rückseite.

 

 

 

 

 

 

Ein wenig erinnert mich das an die Körperwelten des Gunther von Hagens. Nur dass es hier nicht um die (fiese) Innenseite der physischen menschlichen Haut geht, sondern um die körperlich fühlbare „behaarte Innenseite“ unserer „Seelenhaut“. Wem das jetzt zu abgehoben klingt: Das kennt auch der wissenschaftlich arbeitende Tiefenpsychologe. Da lernt man, in Interviews oder Therapiesitzungen auf das U-hafte zu achten: Das Unverstandene, Unheimliche, Unbewusste, Ungeliebte, Unverdauliche. Man muss nur genau hingucken, dann zeigt es sich und wird auch für den Interviewer am eigenen Körper spürbar.

 

 

 

 

 

 

Nach der Ausstellung kam das Gespräch aus irgendeinem Grund auf Tatoos: Schöne, bunte Bilder auf makelloser, rasierter Haut, und auch gleich die Frage, ob man sich denn als junger Mensch Gedanken darüber macht, wie so ein Tatoo im Alter aussieht (die „Rückseite“ der schönen Fassade)… ist jetzt vielleicht reiner Zufall (ganz bestimmt sogar). Vielleicht hat sich daran aber auch das „Thema“ der bösen Bilder inszeniert?

Die Ausstellung gibt es nur an diesem Wochenende zu sehen. Also, spontan entscheiden und schnell noch hin. Für alle anderen: Hier gibt es mehr von Marianne Lindow zu sehen.

 

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