Imperator im Damensattel

von Volker Remy

Das erste Daumenkino-Querblättern macht bereits Lust, sich auf das Buch einzulassen. So sollte ein Buch gestaltet sein. Das Auge liest schließlich mit! Der Text ist – wie nicht anders vom Autor zu erwarten – in gekonnten Ausdruckskreationen verfasst und macht Spaß zu lesen. Da steckt mehr in so manchen sich unscheinbar in den Zeilenfluss eingereihten, kleinen Sätzen und Begriffsloops.

Der ambitionierte Aufruf zu mehr Kreativität, der sich durch das Buch zieht, kann sicher nicht oft genug zwischen Textzeilen schallen, besonders im ausklingenden europäischen Jahr der Kreativität 2009. Der Autor stellt eine Kreativtechnik vor, die eine Mischung aus Brainstorming und Reizworttechnik darstellt mit der Variation, dass die Reizwörter über ein vorheriges „Kamikaze-Lyrik“ – Gedichteschreiben generiert werden (wobei nicht klar ist, wer die zu beklagenden Kamikaze-Opfer sind), anstatt – wie üblich – z.B. aus dem Wörterbuch per Zufallsfaktor nach Reizwörtern zu suchen. Eine interessante Kombination zweier klassischer Kreativtechniken und eine Variation, bei der man den Spaß bei der Sache ohne viel Mühe erahnen kann.

Was das Buch sicher nicht leistet, aber vermutlich auch nicht leisten will, ist eine fundiertere Auseinandersetzung mit Kreativität, wie sie seit ca. 60 Jahren in der Kreativitätsforschung betrieben wird (Man denke z.B. an Edward de Bono). So lassen sich auch einige Thesen des Autors infrage stellen, vor allem die, dass ein möglichst spontaner, sogar unsinniger Zugang die besten Ideen generiert. Bedient dies doch den zweifelhaften Mythos, dass kindlich-unschuldiges Wissens- und Erfahrungsvakuum die günstigste Voraussetzung für geniale Kreativität sei (Komisch, dass die Jahrhundertideen nicht von Kindern stammen). Als dieser Genie-Mythos modern war, glaubte man, das kreative Genie erhalte seine Botschaften direkt von Gott.

Heute müsste man sich fragen (vor allem, wenn man der modernen Gehirnforschung nicht abgeneigt ist, siehe unten), wo denn die genialen Ideen her kommen mögen, wenn sie nicht auf vorhandenes Wissen und Erfahrungen aufbauen. Schöpft man nicht aus Unsinn eher noch mehr Unsinn, neigt man nicht gerade in spontanen Situationen zu eingeübten Gewohnheiten und liegt hier nicht die Hauptfehlerquelle für die vielen halbgaren, aber krass kultigen Flops am Kunden vorbei?

Ebenso kann man den kleinen Ausflug in das evolutionspsychologisch begründete Neuromarketing hinterfragen. Mag ja sein, dass wir noch immer ebenso ticken wie unsere Vorfahren aus der Steinzeit. Dumm nur, dass wir kaum wissen, wie das damals so war und neuere archäologische Funde von Hochkulturstätten wie Göbekli Tepe unser Bild vom grunzenden Jäger und Sammler eher zur Revision nötigen. Auch damals hatte man also schon mehr Kultur, als den sabbernden Blick auf Schlüsselreize wie nahrungsversprechende Rippen. Es lohnt sich der ergänzende Blick auf andere Marktforschungs-Ansätze (z.B. die morphologische Marktforschung).

Als Fazit ist das neue Buch von Volker Remy ein gelungenes Buch, um die immer noch seelig Schlafenden aufzurütteln. Es spricht die Kernprobleme einer kreativen Branche auf eine unterhaltsam zu lesende Art an und trifft den richtigen eingeklemmten Nerv, wenn auch nur kurz angerissen. Führt das Buch – charmant provokant wie es daher kommt – dazu, dass sich Agenturen und Kreative näher mit den Themen Kreativität, Positionierung und Marktforschung auseinandersetzen, hat es eine wichtige Aufgabe erfüllt.

Das neue Buch von Volker Remy ist heute im Handel erschienen. Weitere Vorab-Rezensionen in Blogs:

http://volker-goebbels.de/2009/10/28/der-imperator-im-damens

http://www.buerohochweiss.de/2009/10/25/buchempfehlung-der-i

http://blog.diegebrauchsgrafiker.net/

http://www.ghostwriter-web.de/

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