Der Geistesblitz und wie er in die Welt kam: Epilog

Ein Nachspiel – oder warum Kreativität wie Brustschwimmen ist

Dieser Beitrag ist der 9. und letzte Teil einer Serie zu unserer Studie zum kreativen Denken.
Zum Prolog geht es hier.
Zur Episode 1, “Visual Thinking”: hier.
Zur Episode 2, “Kreative Haltung”: hier
Zur Episode 3, “Die kreative Verfassung”: hier
Zur Episode 4, “Der große Aha-Moment”: hier
Zur Episode 5, “So oder so, der kreative Prozess”: hier
Zur Episode 6, „Vergleich mit bisheriger Kreativforschung“: hier
Zur Episode 7, „Ableitungen für Alltag und Beruf“: hier

In der Literatur bildet der Epilog eine Art Schlusswort. Im Drama bezeichnet Epilog ein kurzes, heiteres Stück nach der Aufführung des eigentlichen Bühnenstücks. Beim Publikum ist dieses Nachspiel manchmal beliebter als die Hauptaufführung. Diese Auffassung von Epilog gefällt uns deutlich besser – daher gibt es jetzt hier ein kleines sinnlich-gestalthaftes Nachspiel, bei dem Sie selbst mitmachen können.

Neue Sicht auf Kreativität

Macht man sich den Spaß und googelt „Geistesblitz“ – dann erhält man die üblichen Tipps, wie man mit den richtigen Kreativtechniken sein kreatives Potential entfaltet. Wir wissen (nach 7 Episoden) nun aber, dass Kreativtechniken nur an einem Aspekt des kreativen Prozesses ansetzen – und zudem eine Art Simulation der Denkprozesse sind, für die geübte Kreative keine Anleitung brauchen. Mindestens ebenso wichtig ist die kreative Haltung, das Drängen des Anders-Möglichen, das Visionieren, das Durchhalten, das sinnlich-anschauliche Denken, das Eintauchen, das Auflösen gewohnter Denkschemata. Erst wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, besteht die Chance, dass der Geistesblitz in die Welt kommt.

Machen Sie mit!

Nun unser kleines aktives Nachspiel. Stellen Sie sich dazu aufrecht hin und stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einem Sprungbrett im Schwimmbad, oder – besser – auf einer Meeres-Klippe. Unsere drei Grundbedingungen (die kreative Haltung, die kreative Verfassung und der kreative Denkmodus) übersetzen wir nun in Handbewegungen:

  • Die kreative Haltung: Greifen Sie mit den Armen zunächst weit nach vorne, denn: Sie sind mutig, ins unbekannte Wasser vor Ihnen zu springen, weil Sie das Anders-Mögliche drängt, weil Sie die Welt unbedingt verbessern wollen und weil Sie unerschütterlich daran glauben, es auch erreichen zu können.
  • Der kreative Verfassung: Wenn Sie dann in Ihrer Vorstellung den Sprung ins Wasser gewagt haben, strecken Sie Ihre Arme nach unten aus, als würden Sie einen Trichter formen, denn: Erst durch das tiefe Eintauchen in das Thema oder die Aufgabe können sich gewohnte Denkschemata oder Strukturen auflösen.
  • Der kreative Denk-Modus: Da im eingetauchten Zustand (im Flow) das sinnlich-anschauliche Denken Ihren Assoziationsraum um viele sinnliche Informationen erweitert und Ihnen jede Menge Rohmaterial für den kreativen Prozess beschert, beschreiben Sie als nächstes einen weiten Kreis mit ihren Armen. Sammeln Sie dabei alles um Sie herum als Quelle der Inspiration auf.

Wenn Sie diese drei Bewegungen jetzt flüssig hintereinander machen – die drei Bedingungen sind schließlich eng miteinander verwoben und können sich über einen langen Prozess hinziehen – dann sehen Sie was? Genau: Kreativität ist wie Brustschwimmen!

Das Ungewisse aushalten

Das Bild des Schwimmens trifft es auch ziemlich gut, denn der Kreative muss erst einmal ins Ungewisse, ins Wasser springen, er muss es aushalten, den festen Boden unter den Füßen zu verlieren. Er darf in seinen Bewegungen und seiner Suche niemals aufgeben, um nicht unterzugehen. Er kennt die Richtung, in die er schwimmt, zuweilen nicht einmal. Machen Sie diese Bewegungen also ein paar Jahre… oder zumindest ein paar Minuten: Springen Sie immer wieder erneut ins Ungewisse, tauchen Sie tief ein und sammeln alle sinnlichen Erfahrungen ein. Irgendwann werden Sie dafür belohnt. Dann taucht wie von selbst, wie aus dem Nichts, eine Boje auf, an der Sie sich festhalten können. Dann rastet es ein, das neue Muster. Dann ist sie in der Welt – die Idee. Sie wären aber kein echter Kreativer, wenn Sie sich nicht nach einem kurzen Moment der Erleichterung wieder ins Wasser gleiten lassen, auf der Suche nach der nächsten oder noch besseren Idee.

Das Entscheidende ist das Auflösen, das Schwimmen, nicht das Festhalten an der Boje. In diesem Sinne: Lernen Sie schwimmen!

Wie es weitergeht

Nach dem Epilog kommt übrigens noch der Ausblick – denn das Projekt zur Ergründung der Geheimnisse des kreativen Denkens ist an dieser Stelle noch lange nicht abgeschlossen. Im Gegenteil, es ist ein Anfang gemacht, Kreativität umfassend zu verstehen.

Weiter geht es mit Diskussionen und Veranstaltungen – wie der C.I.A, der „Cologne Inspiration im Atelier“, zu der die KULTICK-Leser besonders herzlich eingeladen sind.

Und es geht auch weiter mit der Forschung zur Kreativität, demnächst vielleicht auch im universitären Rahmen. Es gibt noch viel zu entdecken, da heißt es: Dranbleiben!

 

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