Die unsägliche Toolisierung des kreativen Denkens – ein Pamphlet

„Arbeitest du auch mit Kreativtechniken?“
„Mit was?“

„Brainstorming“ heißt das halt in Werbeagenturen. Dass es sich dabei um eine Kreativtechnik handelt, die von einem der Gründer der heutigen BBDO, Alex F. Osborn, 1939 erfunden wurde, war mir damals als Designerin in einer Werbeagentur für interaktive Medien nicht bekannt, meinen Kollegen ebenso wenig. Es lief dann auch sicher nicht so, wie Osborn sich das vorgestellt hatte. Man traf einfach zusammen, schlürfte jede Menge Kaffee und sinnierte Ideen wild durch den Raum, hatte viel zu Lachen. Irgendwas Technisches, oder auch nur irgendwie methodisch Systematisches war am Brainstorming in Werbeagenturen nicht zu erkennen.

Kreativtechniken: Fluch und Segen

Ein paar Jahre später. Die Mediendesign-Geschäfte liefen nach dem New Economy Crash schleppend und so richtig kreativ war das auch nicht mehr, weil sich inzwischen Standards für Webseitengestaltung entwickelt hatten und jeder eine solche Standardseite haben wollte, gähn! Also mal überlegt, womit man denn noch so als Kreative sein Geld verdienen kann und dann irgendwie drauf gestoßen, dass ich ja Kreativtrainings geben könnte. Die Kreativtechniken interessierten mich da auch noch nicht. Ich habe mir selbst ein paar Übungen ausgedacht. Die Teilnehmer meines ersten Seminars – eine Managerweiterbildung – fragten aber ständig: „Wann machen wir denn endlich Kreativtechniken?“. Ich hab dann meine Übungen einfach „Kreativtechniken“ genannt und alle waren zufrieden.

Ich habe überhaupt nichts gegen Kreativtechniken. Am liebsten erfinde ich selbst neue, hier ein paar Beispiele: Aufwärmtechniken, Optimierungstechniken, Alternativtechniken. Als Tools können sie wirklich hilfreich sein und auch Spaß machen, wenn man spielerisch mit ihnen umgeht. Aber schon bei meinen ersten Seminaren merkte ich, dass die Teilnehmer es oft ganz genau nahmen mit den Gebrauchsanleitungen. Ich habe mir dann eine Technik ausgedacht, die zunächst einen guten Eindruck machte, aber nicht so richtig funktionierte. Dann habe ich die Teilnehmer provokant gefragt „Na, hat´s geklappt?“, um dann die Aufgabe zu stellen, die Technik selbst so zu verändern, dass sie besser funktioniert. Die Teilnehmer sollten lernen, dass man auch mit den Techniken selbst kreativ umgehen muss.

Oft werden die Techniken jedoch – gerade von einigen Kreativtrainern selbst (oder sollte man in diesem Fall „Kreativbürokraten“ schreiben?) – als eine Art Heiligtum betrachtet, oder so als wären sie eine Anleitung zum Bombenentschärfen, und macht man auch nur eine Kleinigkeit in der falschen Reihenfolge: Bummm!

Inzwischen sind aus harmlosen – und durchaus nützlichen – Tools längst Zauberformeln geworden, getreu dem Motto: Wir sind zwar alle nicht kreativ, weder der Trainer noch die Teilnehmer. Macht aber nix, Simsalabim: Brainwriting 635 (oder war’s 653?) und läuft! Kreativität? Kein Problem! Man nehme einfach eine Zauberformel und alles wird gut. (Anmerkung: Wer sich übrigens darüber echaufiert, dass ich immer „Kreativtechniken“ schreibe und nicht „Kreativitätstechniken“… letzteres ist mir einfach zu lang und solch ein Begriffsdogmatismus gehört ebenfalls in das Reich der oben genannten Kreativbürokraten)

Es gibt auch eine Kreativmethode, die mich richtig fasziniert hat: TRIZ. Es fiel mir erst schwer, sie zu verstehen, da sie eher im technischen Bereich angesiedelt ist und ich nicht. Als ich mich im TRIZ Seminar bei Dr. Dietmar Zobel als Künstlerin und Designerin vorstellte – ich war die einzige Frau und die anderen waren alle Ingenieure – erntete ich zuerst verdutzte Blicke. Ich konnte aber gut mithalten, vielleicht weil ich die einzige war, die schon vorher das Buch gelesen hatte und wurde dann auch schnell akzeptiert. Diese systematische Herangehensweise gefiel mir und später entwickelten wir von TRIZ inspiriert eine eigene Methode, nicht technisch sondern psychologisch orientiert: InsightArt. Ich habe also auch eigentlich nichts gegen systematische Methoden, sondern finde sie sogar toll.

Designthinking: gut gemeint ist nicht gut gemacht

Dann kam Designthinking. Für sich genommen sicher auch eine gute Methode. Ich habe auch das IDEO-Buch gelesen: von der Produktentwickler-Ideenschmiede aus Kalifornien, bei der es – laut der Beschreibungen im Buch – so ähnlich zugeht wie ich es aus Werbeagenturen kenne. Aus dieser Praxis heraus wurde dann die Methode Designthinking entwickelt. Sie machte mich jedoch zunehmend zum Methodenkritiker, was aber gar nicht an der Methode selbst liegt und auch nicht heißt, dass ich auch meine eigenen Methoden jetzt mies finde. Ich gebe aber keine Kreativtrainings mehr, um Anderen Methoden und Techniken beizubringen, sondern wir nutzen die Methoden, um sie in konkreten Ideenentwicklungs-Workshops einzusetzen.

Designthinking kann man heute in 2-tägigen Seminaren erlernen, vermutlich bei Trainern, die es auch in einem 2-tägigen Seminar bei einem Trainer erlernt haben, der es auch in einem 2-tägigen Seminar erlernt hat etc. Irgendwo am Ursprung dieser Kette wird der erste Kreativtrainer das „Designdenken“ vielleicht mal von einem Designer aus der Praxis erlernt haben. Aber das ist lange her. Möchten Sie sich bei Ihrem nächsten Kreativtrainer mal so richtig ins Fettnäpfchen setzen? Fragen Sie ihn nach Beispielen, die er selbst erfunden oder entwickelt hat!

Ein Gebot von Designthinking ist z.B., dass man immer visualisieren soll. Das spricht mir nicht nur persönlich aus der Seele, sondern nach unserer Studie zur Psychologie des kreativen Denkens weiß ich, dass es auch für andere Kreative grundlegend ist, auch im technischen Bereich. ABER! Visualisierung ist ein Denkwerkzeug. Man setzt es ein, um sich selbst im Kreativprozess etwas zu veranschaulichen, zeichnerisch zu experimentieren etc. Zeichnen will jedoch gelernt sein und dafür braucht man Jahre. Kein Architekt kann einen Entwurf abliefern, der ein Haus zeigt wie es ein Kindergartenkind zeichnen würde. In Designthinking Workshops werden dann Strichmännchen gekrizzelt und man ist fest davon überzeugt, dass dies schon dem kreativen Denkwerkzeug ausreichend Genüge tut: Hurra, wir denken jetzt wie Designer!

Weil die Designer und Ingenieure von IDEO – ebenso wie in der Werbeagentur – mit Brainstorming arbeiten, macht man es beim Designthinking meist auch. Warum klappt das in Werbeagenturen? Weil die schon seit Jahren kreativ arbeitenden Designer in Agenturen kreative Denkstrategien verinnerlicht haben. Sie haben es nie in der Theorie gelernt, sondern aus ihrer Praxis entwickelt und daher brauchen sie nicht unbedingt eine Kreativtechnik oder -methode als Tool (schaden würde es jedoch vermutlich nicht, wenn man es auch mal in Werbeagenturen mit systematischeren Tools versucht). Dem geübten Kreativen ist es egal, ob er mit dem Bleistift oder dem Pinsel malt. Es sind eben nur Tools, die nützlich sein können, aber nicht so wichtig sind. Dem ungeübten Kreativen hilft Brainstorming aber wenig weiter.

(Möglicherweise könnte die „Heiligsprechung“ von Kreativtechniken auch damit zusammen hängen, dass man als jemand, der nicht selbst aus der kreativen Praxis kommt, die verinnerlichten Denkstrategien nicht hat und daher auf die exakte Durchführung der Techniken angewiesen ist. So wie man auch z.B. ein Kochrezept um so genauer verfolgen muss, je weniger Erfahrung man mit dem Kochen hat. Hat man praktische Erfahrung, weiß man auch, wo man die Reihenfolge der Schritte oder die Zutaten variieren kann und wo nicht.)

Wie Designthinking zur Marktforschung steht, das wäre fast einen eigenen Beitrag Wert. Zunächst einmal hervorragend, dass man hier Konsumenten-orientiert denkt, die Konsumenten befragt und sie beobachtet. Das fehlt oft bei anderen Kreativmethoden. Wenn dann aber in Artikeln von überzeugten Designthinkern beklagt wird, dass man mit Marktforschung nichts anfangen könne, weil sie nur Zahlen liefert… hier muss man dem Autor des Artikels dann vorwerfen, dass er sich nicht schlau darüber gemacht hat, welche verschiedenen Arten von Marktforschung es gibt (auch ganz ohne Zahlen und mit Psychologie) und dass einem vielleicht manchmal besser gedient ist, wenn man Profis beauftragt. Das gilt übrigens auch für das Entwickeln von kreativen Ideen.

Seid kreativ!

Jeder ist kreativ. Das erinnert an den Satz des Künstlers Joseph Beuys: „Jeder ist ein Künstler“. Allerdings war Beuys zu der Zeit, als er diesen Satz gesagt hat, selbst Professor für freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf (allerdings viele Jahre vor meiner Zeit dort). Er kann also mit diesem Satz nicht gemeint haben, dass jeder schon per se Künstler ist, auch ohne Kunst zu lernen. Sonst hätte er konsequenter Weise seinen Professorenjob an den Nagel hängen müssen. Dasselbe gilt für Kreativität. Jeder Mensch mag zwar die Anlage dazu haben, aber um es virtuos zu beherrschen, braucht es einen langen Lernprozess (in dem Kreativtechniken allerdings keine Rolle spielen).

Der Gipfel des Designthinking-Hypes ist Designthinking als Unternehmensphilosophie, also als eine Methode zur Veränderung der Unternehmenskultur: Bei der Telekom wurde unlängst ein Bällebad für die Mitarbeiter eingerichtet wie im IKEA Kinderparadies, um für kreatives Ambiente zu sorgen (ob man hier in Wahrheit die Mitarbeiter nur parken möchte – damit sie nicht stören – wie beim Vorbild IKEA, weiß man nicht). Kürzlich waren wir zu Gast bei einer Unternehmensberatung, die sich ihr Büro cool Silicon Valley-mäßig neu gestalten ließ, zwecks Förderung einer kreativen Unternehmenskultur. Die PP-Charts und der Vortrag des Geschäftsführers waren jedoch trockene Textwüsten und ermüdend vorgetragen wie eh und je.

Da hat man wohl ein bisschen was missverstanden. Erstens hat zwar Kreativität einen gewissen spielerischen Charakter, dieses Spielerische lässt sich aber nicht mit Kindergarten und bunten Bällen gleichsetzen. Ob man eine Arie singt oder ein Kindergartenliedchen von Rolf Zuckowski macht auch einen Unterschied, auch wenn beides Lieder sind.

Zweitens: Richtig ist, dass kreatives Denken auch eine Frage der Haltung und somit auch der Kultur ist, siehe Kreativstudie (Link oben). Nur werden hier Ursache und Wirkung lustig verdreht. In Agenturen oder Ideenschmieden geht es deshalb so bunt zu, weil dort viele Menschen mit einer kreativen Haltung zusammen kommen und sich ihre Arbeitsumgebung so schaffen, wie es zu ihnen passt. Streicht man die tristen Büros bunt und verteilt allerlei Spielsachen, zaubert dies aber nicht umgekehrt die kreative Haltung der Mitarbeiter herbei. Ich werde auch nicht zum Leistungssportler, nur weil ich in eine Turnhalle einziehe.

Da aber der Unternehmensberater, der in einem Unternehmen Designthinking einführt, die Methode von einem anderen Unternehmensberater gelernt hat, der es wieder von … aber wohlmöglich selbst nie praktisch aktiv etwas Kreatives entwickelt hat, übertragen sich die theoretischen Mythen darüber, wie man Kreativität schafft, wie unsichtbare Viren. Die hinterfragt man nicht und – weil man ja kein Virologe ist – versteht man sie auch gar nicht. Inzwischen müssen sich Abteilungen mit Profi-Kreativen von solchen Theoretikern zuweilen vorschreiben lassen, wie sie kreativ zu arbeiten haben.

Designthinking ist ein interessantes Beispiel. Die Methode wurde aus der Praxis entwickelt, aber wurde nach kürzester Zeit zum Theoretikum in fester Hand von Nicht-Praktikern, die sich anschicken, die Praxis zu bestimmen. Nicht-Praktikern ohne Erfahrung bleibt nichts anderes übrig, als eine Methode so sehr zu Toolisieren, dass sie sich in die gewohnte Welt der Business-Tools nahtlos einfügt und mit „erstens“, „zweitens“  und „drittens“ das Selbstdenken oder gar selbst Einfühlen unnötig macht.

Nicht jeder muss zwanghaft kreativ sein. Kreativität ist nicht die einzige positive Eigenschaft, die jemand haben kann. Und wenn man unbedingt kreativ sein möchte, sollte man schon früh in seinem Leben damit anfangen: einen kreativen Beruf ergreifen und kreatives Denken üben, üben und üben. Es ist eben – wie bei den meisten anderen Kompetenzen – keine Hexerei, die man mit ein paar Zaubersprüchen oder Zauberbällen in kürzester Zeit herbei zaubern kann!

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