Der Zeitgeist, die Lust und der Squash 

Helmut Kohl wurde gerade Bundeskanzler und wird es noch lange bleiben. Im Kino läuft Mad Max und Highlander. Roger Moore ist James Bond und trinkt seinen Martini nur geschüttelt und niemals gerührt. Im Fernsehen schaut man Wetten dass, im Radio dudelt Neue Deutsche Welle. Nach dem Büro trifft man sich zum Squash und fühlt sich ein wenig wie einer dieser erfolgreichen Ostküsten-Anwälte, die sich in den Hollywood-Filmen auch immer zum Squashen treffen.

Szenenwechsel. Angela Merkel ist schon lange Bundeskanzlerin und wird es wohl noch länger bleiben. Im Kino läuft La La Land und Der Junge Karl Marx. Daniel Craig ist James Bond und pfeift darauf, ob der Martini gerührt oder geschüttelt ist. Im Fernsehen schaut man House of Cards, natürlich auf Netflix, und im Radio dudeln irgendwelche Singer-Songwriter-Balladen, die alle verdächtig nach Jan Böhmermanns „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ klingen. Nach dem Büro streift man sein neuestes Fitnessarmband über und geht joggen. Oder ins Fitnessstudio. Man will sich ja fit halten.

Szenenwechsel. Simon Rösner gewann gerade spektakulär das Finale der World Games im Squash gegen den Franzosen Gregoire Marche. Rösner ist ein Ausnahmespieler und der einzige deutsche Squash-Profi. Aber… wie war der Name? Wer ist Simon Rösner? Tagesschau Online war das Ereignis eine Meldung mit dem Titel „Eine Sportart im Verborgenen“ wert. Auch wenn Rösner Profi ist, von den Einnahmen eines Tennisspielers ist er meilenweit entfernt. Die Zahl der Squash-Courts in Deutschland ist seit den 80er Jahren immer weiter gesunken, die Zahl der Mitglieder im Deutschen Squashverband dramatisch geschrumpft. In unmittelbarer Nähe zu unserem Atelier gibt es ein kleineres Sportcenter. Dort steht zwar immer noch „Squash“ in großen Lettern draußen an der Tür. Eine Nachfrage ergab aber, dass der Court jetzt schon lange in eine Spinninghalle umgebaut wurde. Squash werde nicht mehr nachgefragt.

Szenenwechsel. Zwei völlig unsportliche Zeitgenossen, nennen wir sie fiktiv Monika H. und Michael S. sind für vieles aufgeschlossen – außer wenn es um monotone, langweilige Sportarten wie Joggen oder Fitnessstudio geht, die einfach nur stupide, sinnlos und anstrengend sind. Einer von beiden hat es immer mal wieder ausprobiert, ist aber jedesmal kläglich gescheitert. Gefreut hat sich wohl immer nur das Fitnessstudio, das den ungenutzten Jahresbeitrag eingestrichen hat. Seit ein paar Monaten spielen unsere Protagonisten nun regelmäßig Squash – in Köln gibt es immerhin noch zwei Sportcenter, in denen man Squash spielen kann (die Plätze sind übrigens immer frei) und was soll man sagen, sie sind begeistert (man sagt, sie treffen inzwischen auch den Ball). Squash powert aus und macht Spaß, und dies, ohne dass man das Gefühl hat, sich überhaupt angestrengt zu haben. Manchmal wundern sie sich, wo der Muskelkater am nächsten Tag herkommt.

Was ist da los mit dem Squash? Wieso interessiert sich heute niemand mehr für diese an sich tolle Sportart? Diese Frage stellte sich auch der DSQV (der Deutsche Squash-Verband) und der Squash-Förderverein „promotive“. Uns war diese Frage eine kleine psychologische Studie wert (in Kooperation mit promotive), in der nicht nur die Ursachen für diese Entwicklung aufgedeckt, sondern auch Ansätze gefunden werden sollten, wie man den Squash wieder „great again“ machen kann. Grundlage waren mehrstündige tiefenpsychologische Interviews mit Vereins- und Freizeitspielern, Ehemaligen, Interessenten und Zuschauern.

In der Tat liegen die Gründe gar nicht in der Sportart selbst begründet. Alle, die Squash spielen, egal ob im Verein oder als reiner Freizeitspieler, finden Squash geil. Wie der Name schon suggeriert (to squash = zusammenquetschen), verbindet der Sport viele positive Eigenschaften auf kleinstem Raum: Auspowern, Stressabbau, Taktik und Strategie. Squash ist wie Kampfsport, Muskeltraining, Ausdauersport, Billard und Schach in einem. Der geschlossene Court steht symbolisch für dieses komprimierte Konzentrat. Unterschwellig hat Squash dadurch auch etwas von einem Gladiatorenkampf, vor allem für die Vereinsspieler, die sich ein Stückchen als Mitglieder eines „Clans“ erleben. Betritt man die Arena, gleicht dies einem Übergangsritual, das aus zahmen Büromenschen wilde Kämpfer macht. Dies macht den Reiz und die geheime Faszination am Squash aus.

Nein, der Grund liegt vielmehr im Drumherum – im kulturpsychologischen Kontext. Der Zeitgeist hat sich geändert und damit auch die Rolle von Sport generell und des Squash im Besonderen. Die 1980er Jahre – bis in die 1990er Jahre hinein – waren eine als vergleichsweise ruhig und sicher erlebte Zeit: Der Alltag geregelt, der Job sicher und die Renten von Norbert Blüm persönlich garantiert. Als dann 1989 auch noch eine friedliche deutsche Wiedervereinigung anstand, war die Welt noch heiler. Tja, was macht man in solch einer Zeit: Man sucht nach dem Kick und dem Thrill woanders, in Filmen, in Hobbys oder im Sport. Bunjeejumping und Freeclimbing hatten ihre Hochzeit, aber auch der Squash als archaisch-kämpferische Sportart, wenn man so will als Kontrastprogramm: Mad Max statt Helmut Kohl.

Heute leben wir in einer ganz anderen Zeit. Die Welt ist unsicherer und unberechenbarer geworden. Das Smartphone serviert uns brühwarm und ungefiltert die neuesten Meldungen über Terroranschläge, Ausschreitungen beim G20 Gipfel oder die neuesten Eskapaden durchgeknallter Staatenlenker. Eine Krise jagt die nächste, der Job ist alles andere als sicher, und die Renten erst recht nicht. In einer solchen Zeit sucht man nicht den Kick. Da will man sich lieber ausrüsten, fit halten, flexibel bleiben – man weiß ja nicht, welche Krise als nächstes kommt. Auch alt und schwach werden, das geht heute nicht mehr. Die Kultur diktiert uns ein Fitness- und Jugendlichkeits-Ideal für jedes Lebensalter (s.a. unsere Kunstaktion Alt & Sexy).

Und da passt eine Sportart wie Squash einfach nicht mehr rein. Um sich fit zu halten, geht man eben joggen oder ins Fitnessstudio, oder zum Spinning im ehemaligen Squash-Court. Außerdem ist das Sich-Fithalten eine bieder-ernste Sache und soll schließlich keinen Spaß machen. Die Lust am Schritte-zählen ist noch das Äußerste des Erlaubten. Squash passt heute ebensowenig in den Zeitgeist wie ein lockig-flockiger, immer gut gelaunter und stets überlegender Roger Moore als James Bond.

Nun gibt es aber noch eine andere (wenn man so will, „vernünftigere“) Seite von Squash. Die konzentrierte Zusammenballung so vieler positiver Effekte macht den Sport auch zu einer Art Gesundheits-Smoothie. Sich ein- bis zweimal die Woche für eine Stunde auspowern, kann viele lange und entsetzlich dröge Stunden in tristen Fitnessstudios ersetzen. Diese Haltung findet sich übrigens stärker bei den Freizeitspielern – das Archaisch-kämpferische steht dafür etwas mehr im Hintergrund (ist aber für den spielerischen Spaß dennoch wichtig). In einem solchen Verständnis passt Squash durchaus auch wieder in den heutigen Zeitgeist: Als Gesundheits-Smoothie, der auch noch lecker ist und Spaß macht.

Hier liegen auch die gesuchten (kommunikativen) Ansatzpunkte, um Squash wieder populärer zu machen. Inwieweit sie jetzt umgesetzt werden, hängt – wie so meist – noch am Geld. Denn auch, wenn man weiß, wie man strategisch vorgehen muss, erfordert es große Anstrengungen von vielen verschiedenen Beteiligten, um eine Sportart auch wirklich in der Breite wieder populärer zu machen. Die Chancen sind jedenfalls da. Bis dahin hoffen wir zumindest, dass der Sportcenter in der Südstadt nicht irgendwann auch die Squash-Courts schließt und stattdessen Fitnessgeräte reinstellt.

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