Stehplätze – Entirrung einer Irreführung

Ist Ihnen schon einmal folgendes Schild aufgefallen, z.B. in Bussen: „45 Sitzplätze, 44 Stehplätze“? Wenn nicht, gehen Sie beim nächsten Mal nach ganz vorne. Das Schild befindet sich schräg über dem Fahrersitz.

Als mir das Schild zum ersten Mal aufgefallen ist, hab ich mich im Bus umgeschaut. Hätte ich Lust zum nachzählen gehabt, ja es wären bestimmt 45 Sitzplätze gewesen. Aber wie zählt man Stehplätze, die gar nicht sichtbar da sind? Dieses Geheimnis habe ich inzwischen heraus gefunden. Man hat einen genormten Platzbedarf für eine Person, misst den noch freien Innenraum und kann so die Zahl errechnen.

Schön und gut, dachte ich. Aber wenn man „Sitzplätze“ schreibt und diese Sitzplätze auch tatsächlich sichtbar vorhanden sind, ist es dennoch irgendwie irreführend, wenn man gleichwohl „Stehplätze“ schreibt, die dann aber nicht existieren. Korrekt müsste es heißen: Freier Platz für ca. 44 Stehplätze“. Wenn hier aber nun schon die Existenz von etwas nicht Existierendem behauptet wird, gibt es auch die Möglichkeit, der Existenz nachträglich auf die Sprünge zu helfen, den Irrtum quasi nachträglich zu entirren. Die Idee, Stehplätze zu entwickeln, war geboren!

Im Grunde genommen kann man überall rumstehen, wo Platz genug ist und wo man darf. Die Idee, Stehplätze zu erfinden, erschien mir daher zeitweise als sinnloses Unterfangen. Sie hat mich aber dazu verleitet, genauer drüber nachzudenken und zu recherchieren, warum jemand genau hier und nicht ein Stückchen weiter dort steht. Das ist natürlich auch vom vorhandenen Platz abhängig und wenn da schon auf einer Party im Raum zwei Kumpels stehen, mit denen ich reden will, richtet sich die Wahl meines Standortes natürlich nach den beiden.

Es gibt aber auch – so stellte ich fest – besondere Stehorte, die nicht zufällig ausgewählt werden, z.B. der Stehplatz vor einer Tür. Diesem Stehplatz habe ich dann drei Denkmale gesetzt. Im Folgenden habe ich noch andere besondere Stehplätze ermittelt und ihnen, bzw. dem Aufenthalt auf ihnen, ein Denkmal gesetzt, sodass ich die gesamte Kunstobjekt-Serie schließlich „Aufenthaltsmale“ getauft habe.

Einer der gefürchtetsten Stehplätze, der sich teils traumatisch aus unserer Kindheit in unsere Erinnerung gebrannt hat, ist der Eckstehplatz. Es ist – Gott sei Dank – pädagogisch inzwischen aus der Mode gekommen. Dennoch sollte der real existierende Eckstehplatz ein wenig an Folter erinnern. Man steht dort sehr unbequem davor und schaut in ein schamrotes Loch.

Eine besondere Merkwürdigkeit ist der Standortpunkt. Schaut man auf einen Stadtplan, der z.B. an der U-Bahn-Haltestelle hängt, ist genau an der Stelle, auf der man sich gerade befindet, ein – meist roter – Punkt eingezeichnet. Schaut man dann aber runter auf seine Füße, muss man feststellen, dass man schon wieder in die Irre geführt wurde. Da ist überhaupt kein roter Punkt! Also sah ich es als meine ehrenvolle Aufgabe, auch diesen Irrtum zu entirren.

Auf der Karlsbrücke in Prag gibt es eine Stelle, bei der man durch ein Schild darauf hingewiesen wird: Wenn man genau hier steht und ein Foto vom Hradschin schießt (der Berg mit dem Schloss auf der anderen Seite der Moldau), dann kann man auf einem einzigen Foto Gebäude aus 4 oder 5 (weiß ich nicht mehr genau) Zeitepochen bannen: Mittelalter, Barock etc. Solche besonderen Ansichts-Stellen sind doch auch eines Aufenthaltsmals würdig!

Man kann das Prinzip aber auch umkehren und eben dadurch, dass man eine Ansichtsplattform – also einen leicht erhaben wirkenden Stehplatz – an eine bestimmte Stelle stellt, diese Stelle temporär als besondere Ansichtsstelle ausweisen. Das verleiht der Betrachtung eines Kunstwerkes gleich eine ehrerbietendere Würde und zwingt den Betrachter, ein Kunstwerk mit einer hochachtenswürdigeren Haltung zu betrachten, anstatt nur belanglos daran vorbei zu schlendern.

Darüber hinaus habe ich noch der Festhaltestelle zu ihrer Existenz verholfen. Vielleicht möchte man sich ja wenigstens irgendwo festhalten, Halt finden, wenn man schon so sinnlos an einer beliebigen Stelle eines Raumes steht.

In Zügen und U-Bahnen gibt es Sitzplätze, bei denen man Rücken an Rücken sitzt. Das fühlt sich manchmal schon merkwürdig an, einen Fremden im Rücken sitzen zu haben. Man hat sich allerdings daran gewöhnt. Überträgt man diesen Umstand auf einen Hin- und Rück Stehplatz, lässt sich die ganze Merkwürdigkeit jedoch wieder spüren.

 

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