Biografie eines Desasters

Von „Flatten the curve“ über „Herdenimmunität“ zur „Pandemie der Ungeimpften“, oder: Solidarität, was ist das?

Ein als psychologische Analyse getarnter Ausdruck von Verständnislosigkeit

Lesezeit: 6 Minuten

Vor gut anderthalb Jahren hatte ich – noch mit hoffnungsvollen Vorzeichen – versucht, die Ereignisse rund um die Pandemie aus kulturpsychologischer Perspektive zu beschreiben. Seitdem hat sich einiges verändert. Es ist mir daher ein Bedürfnis, mir anzuschauen, wie sich das Ganze denn nun weitergedreht hat. Auch wird mir die aktuelle Situation verständlicher, guckt man sich die Entwicklung seit Anfang 2020 an.

Wie alles anfing

Wer kann sich noch daran erinnern, wie es losging mit Corona? Es wurde das Motto „Flatten the curve“ ausgegeben und bei der großen Mehrheit der Deutschen machte sich eine Art Solidaritäts-Lust breit. Es wurden in Handarbeit Mund-Nasen-Bedeckungen gebastelt, älteren Nachbarn angeboten, Einkäufe zu erledigen, bunt bemalte Steine ausgelegt, auf Balkonen gesungen und musiziert. 

Damit verbanden sich kurzzeitig Hoffnungen, auch bei mir. Corona traf Anfang 2020 auf eine fragmentierte, überkomplexe, beschleunigte Welt voller Vielfalt, Möglichkeiten und Verfügbarkeit, aber auch eine Welt voller Verdrängungen, Leugnungen, Zurechtmachungen, multiplen Aufspaltungen und sich unversöhnlich gegenüber stehenden Weltbildern. Vielleicht schafft es der neue gemeinsame Feind Corona, diese Welt ein Stück weit zu heilen und uns auf ein gemeinsames Ziel hin einzuschwören?

Solidarität versus Egoismus

Diese Hoffnung hat gefühlt vielleicht eine halbe Woche gehalten. Ziemlich schnell waren die alten Spaltungen zurück. Sie machten sich jetzt nicht mehr vorrangig an den Themen Flüchtlinge oder Klima fest, sondern an der Frage der „Wahrheit“ und des richtigen Umgangs mit der Pandemie. Die Spaltungen wurden breiter und tiefer. Risse gingen durch Freundeskreise und durch Familien. Es wurde auf Social Media entfreundet, neue Medien und vermeintliche Heilsbringer entdeckt, neue Blasen etabliert. Von dem einen Pol „Solidarität“ spannte sich ein großer Bogen zum Gegenpol „Egoismus“ auf. Die AfD erfand die „Corona-Lüge“, das Narrativ der „Labor-Pandemie“ machte die Runde, „Aufgeklärte“ und „Freiheitsliebende“ (interessanterweise Menschen, die nie zuvor politisch waren) standen „Schlafschafen“ gegenüber, Jana aus Kassel verglich sich mit Sophie Scholl.

Es folgten diverse Lockdowns, Nothilfen, Kulturmilliarden und der Trompeter Til Brönner mit einem verzweifelten Appell. Die Auswirkungen der Maßnahmen durften wir Ende 2020 noch in einer psychologischen Studie für einen großen Medienanbieter eingehender analysieren. Die Interviews mit Corona-Leugnern aus allen Teilen der Republik zeigte uns eindringlich das ganze Ausmaß der Misere. Hier waren nicht einfach Meinungs-Verschiedenheiten zu bestaunen, sondern fragmentierte Wahrheiten.

Hoffnung auf Herdenimmunität

Doch kurz darauf kam neue Hoffnung auf. Schneller als jeder erwartet hätte, drang die frohe Botschaft von der Entwicklung des ersten Impfstoffs zu uns. Hosianna. Zuerst gab es Gerangel um die Impfdosen in Deutschland, der EU und der Welt, aber als der Impfstoff dann mehr und mehr und bald für alle verfügbar war, kam das Ende der Pandemie plötzlich zumindest in Sicht.

Bis Ende des Sommers sollte jeder ein Impfangebot haben, und so kam es auch. Die Narrative wurden ausgetauscht. Statt „Flatten the curve“ war „Herdenimmunität“ das neue große gemeinsame Ziel.

Neue/alte Spaltungen

Auch das hat wieder nicht lange gehalten bzw. von Anfang an nicht wirklich verfangen. Aus den Corona-Leugnern und -Verharmlosern wurden nahtlos bockige Impfgegner. Hinzu kamen die Ängstlichen, die Zauderer, die Unwissenden und die Desinformierten. Durch den langen entspannten Sommer und die Ablenkung durch die Bundestagswahl kamen noch ein paar Gleichgültige dazu – und auf einmal dümpelte die Impfquote nur noch müde vor sich hin. Um die Pandemie hinter uns zu lassen, braucht es noch ein paar Millionen Impfungen mehr, gleichzeitig lassen sich Impfunwillige aber kaum noch zur Impfung motivieren, wie man inzwischen herausgefunden hat. Da ist sie wieder, die alte/neue Spannung von „Solidarität“ und „Egoismus“.

Die aktuelle Situation: Eine Sackgasse

Und jetzt? Jetzt haben wir ein noch größeres Problem. Von außen betrachtet müssten wir wie eine Gesellschaft erscheinen, die sich selbst blockiert und ein Interesse daran hat, die Pandemie künstlich zu verlängern (by the way, das Ausland schaut teilweise genau so auf uns). Schlimmer: Wir stehen an einem Scheideweg, an dem es scheinbar nur noch zwei Wege gibt. Das Dilemma ist: Sie versprechen beide keine wirkliche Lösung, haben aber beide das Potential, die Spaltungen noch weiter zu vertiefen. Daher vielleicht auch das Zögern, sich entschieden zu positionieren. Allerdings wird durch die steigende Inzidenz der Druck stärker, überhaupt etwas zu tun.

Zwei widerstreitende Narrative

Die beiden verbleibenden Wege machen sich an zwei Narrativen fest, die gerade zeitgleich durch Gesellschaft, Politik und Medien geistern:

  • Das eine Narrativ heißt: Nur Impfung beendet die Pandemie – und im Subtext: Die vielen Ungeimpften sind Schuld daran, dass wir die Pandemie so schnell nicht loswerden, Einschränkungen hinnehmen müssen, in den Krankenhäusern notwendige Behandlungen verschoben werden müssen und vielleicht noch viele sterben werden.

Die aktuelle Datenlage und die wissenschaftlichen Fakten sprechen eindeutig für diese Perspektive. Die Impfstoffe wirken trotz aller Meldungen über Impfdurchbrüche so wie erhofft und alle aktuellen Zahlen bestätigen dies, solange man die Statistiken nicht verkürzt oder kreativ umdeutet (Quelle1, Quelle2 – und jede andere seriöse Quelle). Wie sich die Pandemie unter der Delta-Variante bei bestimmten Impfquoten entwickelt, ist lange bekannt (lediglich die Infektiosität von Geimpften ist bei Delta höher als erwartet, aber immer noch deutlich reduziert gegenüber Ungeimpften).

Diese Sicht hätte natürlich Konsequenzen. Es würde bedeuten, alle Bemühungen auf das Schließen der Impflücke zu konzentrieren (was allerdings kaum noch möglich ist, wer nicht will, der will halt nicht), stattdessen dann auf die Booster-Impfungen für alle, also auch die Impfzentren wieder zu eröffnen, die Regel 2G flächendeckend einzuführen und Schnelltests allenfalls wieder als vorübergehende Krücke zu betrachten (bei Geimpften sind Schnelltests – nicht PCR – wohl auch noch unzuverlässiger als ohnehin schon, da sie Infizierte meist erst dann erkennen, wenn sie nicht mehr infektiös sind, Quelle1, Quelle2 – und jede andere seriöse Quelle). Österreich geht gerade diesen Weg. Er wird sicher die Spaltung vertiefen, und ob er erfolgreich ist, weiß man auch noch nicht (ua. dauert es zu lange, bis mehr geimpft sind). Möglicherweise sind dennoch weitere Maßnahmen nötig, die dann alle betreffen.

  • Das andere Narrativ: Die Impfungen halten nicht, was sie versprochen haben, wie man ja an den Impfdurchbrüchen (vermeintlich) sieht – und im Subtext: Impfung ist wirkungslos und die eigentlichen Schuldigen sind die Geimpften, weil die sich nicht mehr testen lassen. Und in der härteren Variante heisst es sogar: Impfen tötet.

Dieses Narrativ wird z.B. von der BILD-Zeitung gerade geboostert, und ansonsten gerne von Rechtspopulisten verbreitet, wie z.B. Sahra Wagenknecht… Fakten hin, Fakten her, Narrative sind mächtig, besonders wenn sie die eigene Haltung stützen (Auflösung der Frage, die die BILD stellt, s.u.).

Auch das hätte Konsequenzen: Keine Unterscheidung von Geimpften/Genesenen und Ungeimpften sondern 1G (alle testen), oder zumindest 2G+ (da Geimpfte in diesem Narrativ die Schuldigen sind, muss man sie zusätzlich testen), Quarantäne auch für geimpfte Kontaktpersonen (gab es in UK und hieß dort „Pingdemie“), Kontaktbeschränkungen für Geimpfte, und wenn Lockdown, dann für alle. Aber auch das wird die Spaltung vertiefen. Das Unverständnis gegenüber den Impf-Unwilligen wird vermutlich noch größer, viele Geimpfte werden dann auf die Barrikaden gehen – ich gehöre jedenfalls dazu (auch wenn viele sicher auch nach dem Motto ‚Der Klügere gibt nach‘ handeln würden – aber ob das immer so richtig ist?).

Keine eindeutige Richtung

Äußerungen aus der Politik lavieren derzeit unentschlossen zwischen diesen beiden Narrativen hin und her. Mal mehr in die, mal mehr in die andere Richtung. Das wechselt fast täglich. Aber auch unter den Wissenschaftlern gibt es die, die es nicht lassen können, immer zuerst auf das Thema Impfdurchbruch hinzuweisen, und die, die auf die vorrangige Bedeutung der Impfung verweisen. Sie bedienen damit absichtlich oder unabsichtlich eines der beiden widerstreitenden Narrative und tragen zur Verwirrung und zur Vertiefung der Spaltung bei.

Wie kommt man da jetzt raus? In allen psychologischen Wellen seit Anfang 2020 hat – nach kurzer Hoffnung auf Solidarität – die Spaltung wieder zugeschlagen. Das stimmt pessimistisch. Vielleicht gibt es noch einmal eine psychologische Welle, in der kurzfristig Hoffnung aufkeimt (ein neuer Totimpfstoff? eine neue harmlosere Virus-Mutante?). Allerdings gehe ich jede Wette ein, dass es kurz danach wieder aufbricht. Es geht hier eben nicht um das Impfen, oder um Corona, es ist ein kulturpsychologisches Muster, und das wird sich so schnell nicht ändern und wird sich an allem entzünden, was sich auch nur im Entferntesten dazu anbietet.

Vielleicht wird die Pandemie erst dann beendet sein, wenn es genug Genesene (und noch einige oder viele Gestorbene) gibt. Dann – vielleicht im Sommer 2024 – wird sich das gesellschaftliche Klima vermutlich am nächsten Thema anfachen. Klima und Klimaschutzmaßnahmen wären so Kandidaten dafür.

Auf Twitter trendet gerade der Hashtag #AllesindenArm. Twitter-Nutzer rufen in Tweets zur Impfung auf. Kann man versuchen. Selbst unser Cartoon-Held Wissbert macht dabei mit. Natürlich gibt es auch schon den Gegen-Hashtag #ImpftEuchInsKnie. Das sind sie wieder, die Solidarität und der Egoismus.

Anhang: Auflösung der Frage in der BILD-Zeitung (s. Foto oben), was die Impfungen gebracht haben: Basierend auf den dort zitierten 45 Prozent im Verhältnis zur Impfquote in der Bevölkerung ist die Wahrscheinlichkeit von Hospitalisierung ca. 8 mal so hoch für Ungeimpfte.

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