Home, sweet Home oder das große Paradies

‚Home, sweet home oder das große Paradies‘ heisst eine Ausstellung der Kölner Künstlerin Marianne Lindow im Quartier am Hafen. Gestern Abend war Eröffnung, wir waren da (gut, wir mussten ja auch nur die Treppe runter). Hat sich aber gelohnt.

 

In den Bildern aus Stoff geht es um Themen wie Zuhause, Heimat, Kindheit, Elternhaus. Sie wecken beim Besucher merkwürdig zwiespältige Gefühle zwischen wohlig und muffig, vertraut und fremd, geborgen und beengend. Man entdeckt Muster, Stoffe, Farben, die einem vertraut sind und Erinnerungen an die eigene Kindheit wecken, die einen beschäftigen, und die man aber auch wieder loswerden will.

Marianne Lindow schafft es, mit ein paar Bildern ganz eigentümliche Wirkungen zu erzeugen. Man bleibt gerne in der Ausstellung (was nicht nur am leckeren Wein lag), lässt sich bereitwillig einnehmen, fühlt sich wohl. Nach einer halben Stunde wollte ich dann aber auch wieder raus und mich befreien aus der Umklammerung mit der Konfrontation mit eigenen Bildern und Erinnerungen. „Wir müssen los, wir haben noch etwas vor.“.

Auch gab es noch interessante Nachwirkungen. Bei Monika und mir kamen nach der Ausstellung eigene alte Geschichten hoch, und am Ende haben wir die halbe Nacht über unser Elternhaus geredet, wie es uns damals hinauszog, das ‚Fürchten zu lernen‘, und wo es uns noch hinzieht, in der Zukunft (das Haus in Holland).

Die Themen ‚Kindheit‘ und ‚Heimat‘, um die es hier als ganz individuelle Erfahrung geht, sind psychologisch ein höchst ambivalentes Ding. Erinnerungen an die Kindheit haben diesen paradiesischen Zug von Wohlfühlen, Geborgensein und Sorgenfreiheit. Kindheit wird auch gerne verklärt, „ich hatte ja eigentlich eine schöne Kindheit“ (auf das ‚eigentlich‘ komme ich gleich noch). Wir wissen aus der Forschung, dass diese Gefühle Reminiszenzen sind an eine frühe Zeit in unserem Leben, in der Ich und Welt noch nicht getrennt waren.

Säugling und Kleinkind haben noch kein Konzept von der Welt und den Dingen, und noch keines vom Selbst. Erst nach und nach (an Erfahrungen von Widrigkeiten) spaltet sich diese ganzheitliche seelische Wirklichkeit in Selbst und Welt, in ein Ich mit eigenem Willen und Entwicklungs-Wünschen und in ein Gegenüber-Ständliches. Diese alte ganzheitliche Wirklichkeit ist aber nicht einfach weg, sie wird nur scheibchenweise durch neue Erfahrungen überlagert.

In Gefühlen und Sehsüchten nach der alten ‚paradiesischen‘ Einheit blitzen solche Ur-Gefühle wieder auf, z.B. in Zuständen der Verliebtheit, oder eben wenn es um Heimat und Kindheit geht – wie in der Ausstellung. Da dieser Zustand aber für immer verloren ist, haftet den Kindheitserinnerungen immer eine gewisse Melancholie an.

Nun hat das Paradies aber auch eine bedrückende Kehrseite. Sie schließt Entwicklung aus, Veränderung, Hinausgehen in die Welt, Erfahrungen machen, das ‚Fürchten lernen‘. Deutlich wird dies an Gefühlen, die uns befallen, wenn wir beispielsweise von einem 50jährigen Mann hören, der noch bei Mama wohnt und damit glücklich ist. Das Enge und Bedrückende von Kindheitserinnerungen ist nicht unbedingt die Folge traumatischer Erfahrungen. Es liegt schon in der Natur der Sache, dass heimatliche Geborgenheit süß und bitter, wohlig und bedrückend zugleich ist.

Was zeigen mir nun die Kunstwerke von Marianne Lindow, was ich nicht auch in Worten sagen kann? Ich kann ja so schön psychologisch drüber labern. Wenn Kunst das nur illustrierte, wäre sie im Grunde überflüssig. Die Bilder aus Stoff schaffen aber etwas, dass ich hier gar nicht in Worten beschreiben kann. Sie machen die eigentümlichen Materialqualitäten unserer Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle deutlich.

Auch Gefühle und Gedanken haben eine psychische Stofflichkeit, sie sind quasi mit seelischem Material ‚bezogen‘, dass man nur spüren und fühlen kann und in Worten kaum beschreibbar ist. Man könnte nun auch einfacher sagen: Die Bilder sind der Stoff, aus dem unsere Kindheitserinnerungen und -gefühle sind. Aber dann wäre der Text viel kürzer geworden, und ich könnte nicht so viele Fotos der Ausstellung zeigen. Und das wäre schade 🙂

Dauer der Ausstellung: 12. bis 20. Juli 2013

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 18 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter 0160 6224697

Eintritt: 5 Euro. Künstler haben freien Eintritt.

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