Knüll – Ich weiss, was du letztes Jahr verworfen hast!

Nichts geworden, weg damit! In einem eleganten Bogen landet das zerknüllte Blatt Papier unelegant knapp neben dem Papierkorb. Nicht einmal das klappt, aber der Papierkorb schwillt schon über. Das ist heute nicht mein Tag für Entwürfe…

Als sich die Nacht zwischen die Häuserschluchten senkte, der Mond sich gespenstisch in den Glasfassaden der Bürotürme spiegelte, die letzen Lichter in den Fenstern erloschen, konnte er ein leises Rascheln hören. Er ging durch die Nacht Richtung Parkhaus, hatte mal wieder Überstunden abgeleistet. Es war spät geworden, leise, das Gewerbegebiet verweist. Er drehte sich um, als das Rascheln lauter wurde und sah nichts, geblendet von den Regenfäden im kargen Licht der Laterne. Eigentlich hatte er heute nicht viel zustande gebracht, außer einen Papierkorb mit verworfenen Entwürfen zu füllen.

Schritte hörte er keine. Er war wohlmöglich der letzte, der sich auf den Heimweg machte. Das Rascheln wurde lauter, es schien sich von hinten zu nähern. Er schaute sich noch einmal um. War da irgendetwas zwischen den Bürotürmen her gehuscht? Er beschleunigte seinen Schritt. Nicht, dass er sich in der einsamen Dunkelheit fürchtete, aber dieses Geräusch klang zunehmend unheimlich. Er ging gerade mit großen Schritten über den Platz, als er das jetzt laute Rascheln dicht hinter seinem Rücken vernahm und drehte sich erneut blitzschnell um. Ein riesen Monsterknüll mit geschätzten 5 Metern Durchmesser rollte auf ihn zu. Er rannte, spürte das Monster immer näher kommen. Er rannte noch schneller. Jetzt war der Monsterknüll nur noch 10 Meter entfernt. Er schlug einen scharfen Haken nach links, der Knüll folgte. Es schien, als wäre er hinter ihm her. Im letzten Moment erreichte er die Tür zum Parkhaus.

Achtlos Weggeworfenes, keines Blickes Gewürdigtes und jetzt zur Rache zusammengerottet zu einem Monsterknüll. Was war das? Der Rächer der verworfenen Entwürfe?  Ein Alptraum?

So oder auch anders könnte die Horrorgeschichte vom Monsterknüll erzählt werden. Ich will nicht die Legende vom papierlosen Büro neu erzählen, auch nicht über Umweltschutz und Recycling referieren. Es geht um die vielen Gedanken, die mit einem hoffnungsvoll über dem Blatt Papier angesetztem Stift begannen und in einer wütenden Faust ihr unwürdiges Ende fanden, die göttlichen Geistesblitze, die in der Papierpresse verenden, Projekte, die – kaum angedacht – auf dem frisch gestanztem Recycle-Block im Schreibwarenladen nicht einmal mehr zu erahnen sind. Wenn sie nicht einfach aus der Welt verschwinden, sich in Antimaterie auflösen, wo bleiben sie? Es gibt keinen Friedhof für verworfene Entwürfe, wo man ihnen eine würdige Gedenkstätte zugesteht.

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Der Knüll ist ein Kunstobjekt, das dann aber doch nur etwa 80 Zentimeter im Durchmesser misst (Es hätte sonst Probleme gegeben, ihn durch eine gebäudeübliche Tür zu bekommen). Er ist aus einem 30 Quadratmeter zusammen geklebtem Bogen Papier und mit vollem Körpereinsatz zerknüllt worden und setzt dem Verworfenen ein Mahnmal, ein unheimliches, monströses Mahnmal. An die Schmach einer Entwurfsniederlage möchte man nicht erinnert werden. Sie wird in einem kurzen Anflug von Zorn in der Faust zerquetscht und schnell mit einem Wurf entsorgt. Nicht einmal den Fußweg zum Papierkorb ist sie noch Wert und wenn man wenigstens hinein trifft, fühlt man eine wohlige Genugtuung. Soll sich morgen der Putzdienst drum kümmern!

Der Knüll wurde im Rahmen des offenen Ateliers in Köln im Künstlerhaus Quartier am Hafen ausgestellt. Das Objekt gehörte zu der Rauminstallation: Neurotisches Bürointerieur. Einen Film zur gesamten Installation kann man hier anschauen: http://www.innch.de/386/2013_buero.html

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