Kunst und Psychologie: Was den Erwin wurmt

Neulich im Museum…

Es ist ja schon eine eigentümliche Erfahrung, wenn man ausgerechnet im Kunstmuseum nicht nur alles anfassen darf, sondern sogar mit schriftlicher Anleitung aufgefordert wird, sich eine unscheinbare Handtasche über den Kopf zu ziehen. Oder sich einen Stift in die Nase zu stecken, oder eine Orange irgendwo hinzuklemmen.  Ich meine die ‚One minute sculptures’ des österreichischen Künstlers Erwin Wurm.

          

Folgt man den bizarren Anleitungen, geht einem unwillkürlich durch den Kopf: Hoffentlich sieht mich jetzt keiner, der mich kennt. Nur gut, dass man sich im Zweifel auf die Anleitung berufen kann: Hier steht es, das war nicht meine Idee! Im ‚richtigen Leben’ würde man doch Gefahr laufen, in eine Zwangsjacke gesteckt zu werden. Auch von außen betrachtet erscheinen die ‚Skulpturen’  wie der Inbegriff von Sinnlosigkeit und Lächerlichkeit.

Nicht nur absurd erscheinen die Skulpturen, sie sind auch einfach und reduziert auf wenige Accessoires, wirken alltäglich und banal. Es braucht offenbar nicht viel, um das Normale und Selbstverständliche ins Sinnlose und absolut Lächerliche kippen zu lassen: Sachen, die bei jedem zuhause rumstehen oder rumliegen, ein Stift, eine Tasche, eine Orange. Was ist eigentlich so viel sinnvoller und selbstverständlicher an der Tasche, wenn ich sie an der Hand trage, oder sie auf dem Tisch steht?

Kipplig und fragil sind die Skulpturen außerdem, sowohl wenn man sie betrachtet aber mehr noch, wenn man sich (nach berechtigter Überwindung, s.o.) plötzlich selbst als Teil der Skulptur wieder findet. Eine ‚one minute sculpture’ eben. Und das gar nicht mal wegen der komischen Körperhaltung, die man nicht lange aushält – mit der Tasche auf dem Kopf sieht man schließlich nichts, auch der Stift rutscht einem irgendwann aus dem Nasenloch – sondern eher wegen des Eindrucks, den man auf andere macht. Da wären wir wieder bei der Lächerlichkeit.

Fragt man sich da nicht unweigerlich, wie sinn-voll oder sinn-los unser eigener Alltag eigentlich ist? Und wer das entscheidet? Hier erlebt man, wie schnell das scheinbar Normale und Selbstverständliche ins Lächerliche kippen kann, und wie wenig dazu gehört. Ist dies das Thema von Wurm, dass er uns die Hergestelltheit des eigenen Alltag vor Augen führt (im Falle der Tasche im wahrsten Sinne des Wortes)?

Was ist nun das Besondere daran, das mit den Mitteln der Kunst zu tun? Die Erkenntnis ‚an sich’ ist ja nicht neu, die kenne ich ja auch als Psychologe. Den sog. Alltag und das Gefühl von Normalität, das ist nicht einfach so da. Das stellen wir in vielen kleinen Dingen und Handlungen erst her, das ist richtig seelischer Aufwand, und das tun wir tagtäglich auf’s Neue. Geleitet werden wir dabei von dem, auf das wir uns geeinigt haben, zumindest innerhalb derselben Kultur, was normal ist und ‚sich selbst versteht’.

Nur: Wurm sagt uns das nicht. Weil: Das können Psychologen, Philosophen oder Konstruktivisten vermutlich besser, und sie haben ja sogar ganze Bücher darüber geschrieben. Wurm gelingt es vielmehr, uns diese Grunderkenntnis wie ein Magier mit ganz wenigen Dingen zu zeigen, sie für uns erfahrbar und körperlich spürbar zu machen. Wenn ich da so stehe, mit der Tasche über dem Kopf oder dem Stift in der Nase, dann reflektiere ich nicht in Worten über die Hergestelltheit unserer Alltagswelt, sondern erlebe sie leibnah. Als Teil einer Wurm-Skulptur, von anderen Museumsbesuchern beobachtet, erfahre ich unmittelbar und wuchtig, teils beklemmend, teils belustigt, was ich da tagtäglich leiste an Alltags-Produktion, um im Rahmen der Normalität zu bleiben, und wie schmal dabei die Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Unbehagen ist.

So gefällt mir das im Museum …

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