Alt und sexy

Forschungsergebnisse als Kunstaktion

Am letzten Wochenende fanden die Offenen Ateliers in Köln statt. Wir hatten unser Atelier im Quartier am Hafen ebenfalls geöffnet und u.a. zum Thema ‚gesund & drunter‘ ausgestellt. Das sind Bilder, die aus unserer Eigenstudie zum Gesundheitstourismus entstanden sind.

Dazu gehörten auch diese Selbstportraits in Lebensgröße, auf denen sich jeder von uns dreißig Jahre älter gemalt hat (je 2 m X 1 m, Acryl auf Leinwand):

Als Erläuterung gab es noch eine Tafel mit folgendem Text:

„Ein zentrales Ergebnis der Studie zum Umgang mit Gesundheit ist: Es herrscht ein gesellschaftliches Ideal, das sagt: ‚Du sollst gesund und leistungsfähig bleiben, bis ins hohe Alter‘.
Gesundheit und Jugendlichkeit sind fast zur neuen Religion geworden. Alter und Krankheit sind heute nicht mehr erwünscht und müssen auf den ’seelischen Dachboden‘ verbannt werden.
Wie im ‚Bildnis des Dorian Gray‘ (Oscar Wilde): Dorian lässt ein Bild von sich malen. Während er selbst jung bleibt, altert das Bild und muss vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt werden.
Wir haben das Prinzip herumgedreht und uns mit Vergnügen 30 Jahre älter gemalt.“

 

Die Wirkung dieser Bilder hat uns verblüfft. Insgesamt waren an den drei Tagen etwa 400 Besucher auf der Ausstellung, und keiner kam unbeschadet daran vorbei. Alle zeigten eine Reaktion, es gab Lachen, ungläubige Blicke, teils auch tiefgreifende Diskussionen über unsere Kultur und das Älterwerden. Einige waren regelrecht verstört. Interessant waren auch diese verstohlenen Blicke auf uns (wir saßen etwas abseits beim Gläschen Rotwein): Sind die das? Haben die das wirklich gemacht? Dürfen die das?

In unserer Kultur scheint es sich in der Tat nicht zu gehören, sich einfach 30 Jahre älter zu malen, und dazu auch noch ein attraktives Bild vom Altern zu zeichnen. Ist Jugendlichkeit die neue Religion, dann waren wir wohl so etwas wie Ketzer.

Schön, wenn Besucher einer Kunstausstellung mit einer Erkenntnis nach Hause gehen. So macht das Spaß, und das sollte Kunst doch eigentlich auch leisten. Und wir haben wieder eine Menge gelernt – wenn man Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie selbst als Kunstwerk wirkungsvoll präsentieren kann, ergeben sich auch für die Marktforschungspraxis viele neue Ideen.

Zur Aktion gehört übrigens auch ein Workshop, zu dem man sich beim Besuch der Ausstellung anmelden konnte: „Alt und sexy“. Ein eintägiger Mal-Workshop, bei dem ein Selbstportrait gemalt werden soll, auf dem man deutlich älter ist, man sich aber gut gefällt. Termin: 30. November. Wer noch mitmachen möchte, einfach bei uns melden (für lediglich einen kleinen Kostenbeitrag von 20,- Euro für Material und Verpflegung). Vielleicht wirkt das Bild ja auch magisch und man entwickelt sich dann in den nächsten Jahren auf das Bild hin? Wer weiß…

 

Die anderen Bilder der Ausstellung sowie die Objekte und die Musik zum ‚Neurotischen Bürointerieur‘ gibt es demnächst auch hier zu sehen und zu hören. Da basteln wir noch an einem kleinen Film, dauert aber noch was …

Ergänzung: Den Film zum ‚Neurotischen Bürointerieur‘ gibt es hier zu sehen (Lautsprecher einschalten!)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.