Artefaktomorphismus

Eine Beobachtung

Anthropomorphismus

Wer hat sich nicht schon mal dabei erwischt, am Fahrkarten-Automaten zu stehen und nach dem dritten Abbruch zu sagen: „Was denkt der sich eigentlich?“, oder „Glaubt der blöde Automat etwa, ich hätte nichts besseres zu tun?“ Ganz zu schweigen von den emotional geführten Konversationen mit seinem Computer, bei denen meist Wut (des Users) auf Sturheit und Uneinsichtigkeit (des Rechners) trifft. Manchmal verschwören sich auch die Dinge regelrecht gegen uns. Gemeinhin nimmt man in solchen Fälle eine mehr oder minder schwere Form von Anthropomorphismus an: Also man überträgt menschliche Eigenschaften auf die Dinge.

ZoomorphismusHund

Ähnliche Fälle gibt es auch zwischen Menschen und Tieren. Wir schreiben den Tieren gerne menschliche Eigenschaften zu, wenn wir etwa vom Hund sagen, er sei treu, und von der Katze, sie hätte ihren eigenen Kopf. Aber es gibt genauso den umgekehrten Fall: Dass die Tiere uns so behandeln, als wären wir Artgenossen. Der Hund nimmt uns in seine Hundewirklichkeit auf und sieht in uns seinen Rudelsführer. Zoomorphismus nennt das der Experte: Wenn Tiere tierische Eigenschaften auf Menschen übertragen. Jeder Löwendompteur im Zirkus kennt das – oder sollte es auf jeden Fall kennen, wenn ihm sein Leben lieb ist. Hasen brauchen einen Gefährten, Löwen einen Anführer – und wenn gerade kein anderer Hase oder Löwe zur Hand ist, kann der Gefährte auch ein Stofftier oder der Anführer ein Dompteur sein.

Artefaktomorphismus

Nun, warum sollte es sich nicht genauso mit dem Automaten oder dem Computer so verhalten, oder mit anderen Dingen, wie Staubsaugern, Waschmaschinen, Toastern, Stühlen oder Lampen? Dinge behandeln uns manchmal, als wären auch wir Dinge und würden ihre Sprache sprechen: Ja? Nein? Abbruch? Sie sehen uns quasi aus ihrer dinglichen Perspektive heraus, nehmen uns auf in das Reich der Dinge. Ich finde, hierfür fehlt noch ein Konzept und nenne es mal Artefaktomorphismus:

Artekfaktomorphismus (lat. ars, artis ‚Handwerk‘, factum ‚das Gemachte‘ und griechisch μορφή morphē ‚Form, Gestalt‘) bezeichnet das Zusprechen dinglicher Eigenschaften von Dingen auf Menschen, Tiere oder Ereignisse (Verdinglichung)

Es geht dabei auch gar nicht darum, dass die Dinge ‚denken‘, wir seien Dinge. Auch bei Tieren kann man das mit dem Denken in Frage stellen. Sie behandeln uns schlicht als Teil ihrer eigentümlichen dinglichen Wirklichkeit.

Für den Erkenntnistheoretiker Humberto Maturana ist ‚Kognition‘ das Interagieren eines Systems in seinem Medium, das ein externer Beobachter beschreiben kann, und hat nichts mit Denken oder Bewusstsein zu tun – als Beobachter können wir gar nicht wissen, was in einem System passiert. Artefaktomorphismus beruht demnach also auf der Kognition der Dinge (gut, Dinge sind keine lebenden, autopoietischen Systeme sondern allopoietische, aber so kleinlich muss man jetzt nicht sein).

Die Welt der Waschmaschine

Der Automat, der Computer oder die Waschmaschine müssen ja nicht wissen, dass sie uns wie ihresgleichen behandeln. Sie tun es einfach, weil sie gar nicht anders können – so wie der Hund nicht anders kann, als uns aus seinen Hundeaugen zu sehen. Die Waschmaschine muss sich auch nichts Böses dabei denken, wenn sie mal wieder Socken verschluckt. Socken sind in ihrer Welt vielleicht so etwas wie ein verdienter Snack zwischen Vor- und Hauptwaschgang, oder eine Opfergabe der komisch aussehenden Waschmaschine (also mir), die sie hineingestopft hat.

„Das kann ich nicht zulassen, Dave“roboter

Übrigens, wenn man sich die Entwicklung der sog. künstlichen Intelligenz anschaut, dann ist das alles gar nicht so abwegig. Je komplexer die Wirklichkeit einer Maschine wird, umso wichtiger – und vielleicht sogar überlebenswichtiger – wird auch die Frage, wie und als was sieht mich die Maschine? Für den Computer Hal in Stanley Kubricks ‚2001: Odysse im Weltraum‘ war der in seiner Raumkapsel ausgesperrte Astronaut David Bowman nur ein Virus in der reinen, algorhythmischen Logik des künstlichen Superhirns. Das hat der sich sicher nicht so gedacht, aber er hat aus seiner ‚Logik‘ heraus so gehandelt, als hätte er, weil er eben gar nicht anders kann.

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