Burn dich out!

Wieder einmal titelt der Spiegel eine Ausgabe mit dem Thema Burnout. „Stress, Burnout, Depression – wo verläuft die Grenze zwischen krank und gesund?“ heisst es in der neuesten Ausgabe. Nach Erkenntnissen einer psychologischen Studie zur Gesundheitsprophylaxe, die wir gerade in Zusammenarbeit mit einer Hochschule durchführen, stellt sich die Frage ganz anders.

Man kann sich eigentlich nicht mehr erlauben, krank zu sein, nicht mal älter zu werden und womöglich dann nicht mehr alles zu können. Themen wie Krankheit und Älterwerden werden aus dem Alltag verbannt, und ein raffiniert gesponnenes Selbstbetrugssystem stützt das eigene Bild vom ‚Ich bin topfit und kerngesund‘ – auch bei 30 Zigaretten am Tag, schließlich raucht man sie auf dem Balkon. Da ist man ja an der frischen Luft.

Gefördert wird dies durch eine allgemeine Stimmung, die predigt, dass man ‚forever young und fit‘ sein muss, in der das Alter relativ geworden ist, man nicht nur 50jährige in angesagten Outfits bestaunen darf, sondern auch leistungsfähig sein muss, demnächst bis mindestens 67. Auch die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen (wie drohende Altersarmut, Existenzängste, Hartz 4, Wirtschaftskrisen etc.) hauen in die gleiche Kerbe.

Eine direkte Folge der Abspaltung der Themen Krankheit, Altern und Sterblichkeit, und damit der Nicht-Akzeptanz ganz natürlicher Prozesse, die das wenig perfekte und auf Vergänglichkeit angelegte Leben nun mal mit sich bringt, ist der Burnout. Immer dem Kulturideal entsprechen, das geht doch gar nicht. Es droht die Wiederkehr des Verdrängten, in der schicken Form eines Burnouts. Wir haben dann auch bezeichnenderweise das Gefühl, nicht das ‚richtige Leben‘ zu leben. In anderen Kulturen ist das manchmal für uns befremdlich anders. In Anatolien sehen Frauen Mitte 40 manchmal älter aus als meine Mutter je aussehen wird. Aber dort hat die Kultur Bilder und Rollen, die den natürlichen Entwicklungsprozessen viel mehr Rechnung tragen. Eigentlich die viel gesündere Variante!

Burnout hat aber eine tolle doppelte Bedeutung. Er ist nämlich nicht nur Symptom sondern zugleich auch die neue Ausrede, um sich mal eine Auszeit nehmen zu dürfen, z.B. eine Kur. Früher musste man mindestens einen Herzinfarkt haben, um sich aus dem Wahnsinn herauszuziehen. Und es ist gar nicht so einfach, sich mal eben einen Herzinfarkt zuzulegen. Heute arbeitet unsere Kultur inkl. der Presse wie der Spiegel daran, Depression oder das Burnout-Syndrom stattdessen hoffähig zu machen (schließlich ist man ja dann Opfer der eigenen Leistungsbereitschaft, das kann sich sehen lassen). Das Symptom wird zur Rechtfertigung, das dieses Symptom produzierende System für kurze Zeit zu verlassen – meist um dann wieder fröhlich weiterzumachen, im System, welches das Symptom produziert….

Jede Zeit hat nun mal ihre ‚Krankheit‘, auch schön, wenn Symptom und Ausrede zusammenfallen. War es zu Freuds Zeiten nicht die Hysterie?

Wie geht’s weiter? Vermutlich erst wenn wir grundlegend etwas an unserer Lebenshaltung ändern und wir unsere eigene Entwicklung als biologische Wesen, die älter werden und nicht perfekt sind, akzeptieren, wird es wieder verschwinden und überflüssig werden. Aber bis dahin werden sicher noch viele Spiegelausgaben durch die Druckerpresse laufen, das Thema wird uns wohl noch länger begleiten …

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