Der Geistesblitz- und wie er in die Welt kam: Episode 1

Visual Thinking – der kreative Modus

Dieser Beitrag ist der 2. Teil einer Serie zu unserer Studie zum kreativen Denken.
Zum Prolog geht es hier.

„Rein sprachlich wäre es zu schwierig. Ich muss es mir vorstellen können…“,
„Die Skizzen sind sehr wichtig, um sich die eigenen Überlegungen selber transparent zu machen.“,
„Ich visualisiere mir das auch im Kopf.“,
„Man muss es sich als Ganzes vorstellen, simultaner Blick.“,
„Wenn ich eine vage Idee zu Papier bringe, dann wird sie schon konkret, dann verwandelt und entwickelt sich das schon.“

Krea_Bilder

Letztens saß ich im Zug. Die Sonne schien freundlich durch die Fenster. Ich fühlte mich wohl, ließ die Umgebung an mir vorbei ziehen, schaute durch das Fenster, entdeckte dies und das, dachte drüber nach, dachte über das Leben nach, brachte die Dinge, die ich durch das Fenster erblickte mit meinen Überlegungen und Vorstellungsbildern zusammen und da war sie, die Idee zu einem neuen Kunstobjekt: Der Knüll.

Ich gucke schon mit einem speziellen Blick durch die Welt, so als würde sich die Welt extra für mich in einer Weise zeigen, dass sie voll von Inspirationen für meine Kunstobjekte steckt. Man kennt das ja auch: Wenn man richtig hungrig ist, sieht alles lecker aus. Braucht man dringend einen Hammer und hat keinen, sucht man spontan die Umgebung nach etwas ab, das man alternativ als Hammer benutzen kann, z.B. einen Stein. Die Sinne stellen sich – fast automatisch – auf die zu lösende Aufgabe ein und überall entdeckt man plötzlich Ähnlichkeiten und Ansätze für Lösungen.

Dass auch bei anderen Gestaltern (Künstler, Designer, etc.) die Kreativität schon beim Wahrnehmen anfängt, scheint plausibel. Gewundert hat mich aber, dass auch die in der Studie befragten Kreativen aus technischen und wissenschaftlichen Bereichen ausnahmslos die Wichtigkeit eines guten Vorstellungsvermögens und das Arbeiten mit visuellem Material, z.B. Konstruktions-Skizzen betonen. In selteneren Fällen spielen auch andere Sinne eine Rolle: Hören, Körpergefühl, Riechen. Auch bei Technikern verwandelt sich die wahrgenommene Welt auf wundersame Weise in einen Pool von Inspirationen: „Ich habe bei Google nach Bildern von Gelenken geschaut und mich vertippt. Es kamen Wüstenbilder. Dann habe ich direkt überlegt, wie man die Aufgabe über eine Wellenform (Hügel der Wüste) lösen kann, z.B. mit Ultraschall.“

Kreatives Denken hängt also – so muss man wohl daraus schließen – mit sinnlich-gestalthaftem Denken zusammen, vermutlich das Geheimnis, das hinter dem mysteriösen Phänomen der Intuition steckt. …
Denken?
Über etwas nachzudenken, wird im Alltagsverständnis oft auf die Tätigkeit beschränkt, in der man gedankliche Selbstgespräche führt. In der Kognitionswissenschaft gilt jedoch jede Art der aktiven Auseinandersetzung mit der Umgebung und jede Erkenntnis, die dazu führt, in der Welt Einheit und Zusammenhang zu stiften, als Kognition. Wahrnehmen und sinnlich-ästhetisches Denken ist damit genauso ein Modus der Kognition wie das verbale und rational-logische Denken, es funktioniert nur nach anderen Regeln (s.u.).

Nicht zuletzt ist auch unsere Sprache verräterisch: Wir „erfassen“, „begreifen“ und „durchschauen“ Zusammenhänge. Betrachten Kreative ihre Umwelt gezielt oder vergleichen Konstruktions-Skizzen miteinander, handelt es sich sogar um ein ganz bewusstes Denken. Nur weil etwas ohne Worte auskommt, ist es nicht gleich ein unbewusstes Gefühl, das irgendwo tief im Bauch rumort.

Die Vorteile, die das sinnlich-gestalthafte Denken in seiner eigentypischen Bildlogik für das kreative Denken hat, machen deutlich, warum es für die Ideenentwicklung so wichtig ist.

  • Bilder schaffen Überblick. Im Unterschied zum seriell aufgebauten verbalen Denken, kann man Bestandteile parallel denken und behält gleichzeitig immer den Blick auf das Ganze. Eine komplexe technische Konstruktionszeichnung rein verbal – z.B. telefonisch – zu beschreiben, ist nahezu unmöglich.
  • Auch diffuse Vorstellungsbilder können in Skizzen adäquater festgehalten werden, als wenn man versucht sie sprachlich zu beschreiben.
  • Dadurch, dass man das Ganze im Blick hat, lassen sich Grundstrukturen besser erkennen (Geometrien, Dynamik, etc.). So bieten z.B. Röntgen-, oder Ultraschallbilder in der Medizin eine unersetzbare Erkenntnisquelle.
  • Grundstrukturen lassen sich aber nicht nur erkennen, sondern auch verändern. Experimentelle Operationen sind mit sinnlichen Materialien leicht möglich, z.B. Kombinieren, Umdrehen, Vergrößern, Verkleinern, Gegensätze vereinen etc. Das funktioniert z.T. auch schon in der Vorstellung.
  • Eine wichtige Quelle für kreative Anregungen bilden strukturelle Ähnlichkeiten und Übertragungen, z.B. Übertragungen von der Natur auf die Technik in der Bionik. In Visualisierungen lassen sich Ähnlichkeiten erkennen, die in verbalen Beschreibungen nur schwer zu entdecken sind, z.B. aerodynamische Formen.
  • Während verbale Sprache klare Definitionen von Begriffen und klare Satzstrukturen benötigt, um verständlich zu sein, können Bilder auch diffus sein, aus vagen Andeutungen bestehen. Diese Unschärfe eröffnet neue Möglichkeiten. (Wie vor allem dieser Vorteil mit dem Aha-Effekt zusammenhängt, wird in einer späteren Episode der Artikel-Serie vorgestellt)
  • Gleichzeitig können visuelle Darstellungen aber auch konkreter sein als sprachliche Beschreibungen. Aus diesem Grund werden z.B. Phantombilder oder Photos von gesuchten Personen veröffentlicht, anstatt sie nur verbal zu beschreiben.
  • Selbst technische Lösungen haben auch immer ästhetische Aspekte, z.B. kann eine Lösung. ‚elegant‘ sein oder zu komplex. Auch das lässt sich in der visuellen Anschauung leicht erkennen.
  • Bilder lassen sich oft leichter merken und erinnern als Verbales. Das macht sich z.B. auch die Mnemotechnik zunutze.
  • Die Wahrnehmung bietet eine manigfaltige Grundlage für die Inspiration: Die gesamte Umgebung wird aus einer bestimmten ‚Brille‘ heraus betrachtet (siehe Beispiele oben).
  • Vor allem in den gestaltenden Kreativbereichen (Kunst, Design, etc.) geben sinnliche Anmutung und Qualitäten (dynamisch, unheimlich, schwer, geordnet, offen, etc.) direkte Anregungen für die Gestaltung.

In kreative Aufgaben muss man sich also sinnlich einfühlen. Was liegt näher, als sich auch sinnlicher Mittel wie Skizzen zu bedienen? Im Katalog gängiger Kreativtechniken finden sich jedoch verhältnismäßig wenige sinnliche Verfahren. Es ist fraglich, ob solche Techniken funktionieren, wenn man nicht mindestens darauf achtet, dass Begriffe so gewählt werden (z.B. in der Begriffs-Kombinatorik), dass sie sinnliche Vorstellungen auslösen. Die Kreativmethode Design Thinking, die Visualisierungen eine wichtige Stellung einräumt, ist diesbezüglich ein guter Ansatz. Die Ergebnisse aus unserer Studie zum kreativen Denken zeigen jedoch, dass sich eine noch intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema Visualisierung lohnt und bezüglich eines professionellen Umgangs mit sinnlichen Verfahren noch Luft nach oben ist.

Sinnlich-gestalthaftes Denken ist eine wichtige Bedingung für Kreativität, gewissermaßen eine notwendige aber noch nicht hinreichende Bedingung. Denn diese Art zu denken ohne Worte bestimmt auch unseren Alltag. Erst wenn zwei weitere Bedingungen hinzukommen, sind die Voraussetzungen für den Geistesblitz geschaffen.

Hier geht es zur Episode 2

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