Design thinking or unthinking

Ich* habe bereits überall drauf gedrückt, selbst an Stellen die nicht im entferntesten nach einem Knopf oder Sensor aussahen, hab an allen Teilen versucht, irgendwas irgendwie zum drehen zu bringen. Jetzt – hoffentlich sieht mich keiner – bin ich vom vorsichtigen Winken zum hektischen Wedeln beider Hände rund um die Armatur übergegangen, gehe einen Schritt zurück … vielleicht muss man auf eine bestimmte Stelle auf dem Boden treten, vielleicht eine geheime Formel murmeln, das Ding anschreien: „Wasser marsch!“? Gibt es wohl möglich eine – wie eine Geheimtür getarnte – Kachel, auf die man 1 mal kurz und 2 mal lang klopfen muss?

Abgesehen vom vielen Regen ist es komfortabel in einer Region der Erde zu leben, in der jederzeit fließendes Wasser geboten wird, wenn man nur wüsste wie man es zum fließen bringt. In jedem Hotel, jeder Gastwirtschaft, jedem Café ist das Armaturen-Design schicker als im nächsten: hochglänzend verchromt, matt gebürstet, eckig, oval, zeitlos bis futuristisch – in den Nasszellen der Moderne ist Science Fiction schon Wirklichkeit. Manche Armaturen erkennt man nur daran, dass sie an einer entsprechenden Stelle über dem Waschbecken oder dem Duschbecken angebracht sind, sofern man das Waschbecken / Duschbecken als solches erkennt.

Bei Duschen ist zudem nicht nur der Schwierigkeitsgrad erheblich erhöht, dadurch dass man auch noch den Wärmeregler finden muss (ganz zu schweigen von Dusch-Bade-Kombinationen, wo man noch den Dusch-Bade-Umschalter und gegebenenfalls den Abflussöffner aufspüren muss). Auch das Leiden steigert sich um ein Vielfaches, wenn man schon drunter steht und durch eine unbedachte, kleine Handbewegung den „Wasser marsch!“- Befehl auslöst, bevor man den Wärmeregler gefunden hat … brrrr …

Als ich ein Buch über „Design Thinking“ gelesen habe, dachte ich es handele sich hierbei um eine Methode für Designer zur Designentwicklung. Gerade – mit einem Schwall kaltem Wasser überschüttet – habe ich die Idee, man müsste „Design-Thinking“- Kurse für Benutzer von Designs anbieten, um im Alltag besser durchschauen zu lernen, was sich so ein Designer bei der Entwicklung eines modernen Armaturen-Designs gedacht hat. Geht das so weiter mit den Designeinfällen, könnte das Absolvieren eines solchen Kurses zur Überlebensfrage werden (man denke nur an Regionen, wo man verdursten kann).

Es gibt natürlich auch andere Fälle: funktionstüchtige, praktische Designs, denen man sofort ansieht, wo man die nassen Hände hinein stecken muss, um sie zu trocknen. Dieser Trockner hier – so lobt es die Aufschrift – verspricht eine besonders schnelle Trocknung, würde ich nur nicht jedes Mal so lange zögern, ob ich meine Hände diesem tosenden Schlund wirklich anvertrauen sollte. Liest man deshalb nichts von Unfällen, bei denen das Gerät zuschnappte und die Hände blitzschnell vom Arm trennte, weil es tatsächlich nicht passieren kann, oder weil es in der Presse vertuscht wird?

„Form follows function“ hieß mal eine der wichtigsten Designregeln. Möglich, dass der Designer tatsächlich der Funktion folgte, aber mitunter auf solch geheimen Umwegen, dass es für den Benutzer nicht mehr nachvollziehbar ist. Erschließt sich die Funktion intuitiv, muss es aber auch noch nicht heißen, dass sich der Designer in das Erleben des Benutzers genügend hinein versetzt hat, wenn die Geräte wie Folterwerkzeuge oder Waffen wirken, oder den Benutzer dazu nötigen – zwecks Bedienung der Geräte -, Bewegungen durchzuführen oder Körperhaltungen einzunehmen, von deren Anblick er auf keinen Fall einen Schnappschuss auf Facebook entdecken wollte. Manche Dinge scheut man auch anzufassen – obwohl es auf keinen Fall ohne geht – weil die makellose, kunstvolle Oberfläche „berühr mich nicht“ auszustrahlen scheint.

Zum „Design Thinking“ gehört nicht nur das Bedenken der intuitiv verständlichen Benutzerfreundlichkeit – bei Armaturen allerdings schon ein klarer Pluspunkt -, sondern auch ein Gespür und Wissen über die psychologische Wirkung von Formen, Farben und Material. Zu oft wirken moderne Designs wie Exponate avantgardistischer Designerwettbewerbe, die – geschützt hinter Panzerglas – prachtvoll anzuschauen sind, zur Benutzung jedoch wenig taugen. Wenn „Design Thinking“ sich auf die Fahne schreibt, benutzerfreundliche Designs zu entwickeln, gilt es zuerst, mehr über den Benutzer und sein Erleben zu erfahren. Wie wirken bestimmte Anmutungen auf ihn? Welche Assoziationen hat er zu Farben und Material? Wie fühlt er sich bei der Handhabung? An was erinnert ihn eine bestimmte Form (oder erinnert sie ihn überhaupt an etwas Bekanntes?) und welche Erwartungen und Befürchtungen werden in ihm bei der Konfrontation mit dem Ding ausgelöst?

Das bedarf meistens einer wahren psychologischen Detektivarbeit, denn nicht jeder wird sogleich offen zugeben mögen, dass er zu blöd ist, eine Duscharmatur zu bedienen oder heute gar nicht geduscht hat, weil er eben zu blöd war (das wäre noch vertuschbar, wenn man bei den modernen Deospray -Designs immer so genau wüsste, wo man drauf drücken muss, damit was heraus kommt). Noch schwerer zu beichten dürften die albernen Ängste sein, man bekäme seine Hände grauenvoll von einem Händetrockner abgetrennt.

(* Name von der Redaktion geändert)

 

Anmerkung von Michael:

Ich hätte hier auch ein positives Beispiel für Design Thinking. Wer es nicht gleich erkennt, es handelt sich um eine Zitronenpresse…

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