Sich mal anständig hängen lassen: Der Bademantel

(Selbst)-Beobachtung

Man fühlt sich schon ein wenig merkwürdig, nur in einem Bademantel bekleidet bei einem guten Vier-Gänge-Menü in einem Restaurant zu sitzen. Eigentlich wirft man sich zu so einem Anlass in Schale. Aber die anderen Gäste des Thermalbad-Restaurants tragen auch nur Bademantel, also erntet man keine abschätzigen Blicke für seine nachlässige Minimal-Verhüllung. Es hat etwas Bohémien-mäßig Entspanntes, kein zwängendes Zwicken, kein Gedanke daran, ob auch alles ordnungsgemäß sitzt, denn Bademäntel sitzen nicht. Sie hängen. Man kann sich in ihnen bequem hängen lassen, auch wenn man gleichzeitig darauf achtet, das Besteck für die Menüfolgen in der kultiviert richtigen Reihenfolge zu benutzen, von außen nach innen.

Was heisst eigentlich „in Schale werfen“? Unter einer Schale stellt man sich etwas Formklares, Festes vor. Ein Bademantel umhüllt den Körper mehr wie eine aus der Form geleierte Pelle, aber auch das nicht so richtig, denn im Grunde handelt es sich um ein Handtuch mit Ärmeln und Gürtel, sodass schon fraglich ist, ob der Begriff „Kleidungsstück“ zutrifft. Handtücher ordnet man in der Regel auch nicht unter die Kategorie von Kleidungsstücken, ebenso wenig gesteht man es Unterwäsche zu. Der Bademantel, dieser Zwitter aus Mantel und Handtuch, will auch nicht so recht hier herein passen. Er ist irgendetwas dazwischen, ein mantel-gewordenes Handtuch oder ein handtuch-gewordener Mantel. 

Da der Gürtel eines Bademantels seinen Zweck nur mäßig erfüllt, muss man ein wenig auf seine Sitzhaltung achten, aber auch das ist im Thermalbad-Restaurant nicht so schlimm, hat man die hier Sitzenden doch ohnehin schon nackt in der Sauna gesehen. Dennoch schickt es sich nicht, im Restaurant auf den Bademantel zu verzichten, wie es vermutlich in einem Nudistencamp-Restaurant in Ordnung wäre. Der Bademantel steht also für das Minimum an sittlichem Anstand, das auch in Stätten der Freikörperkultur gewahrt werden muss, oder gerade hier, um die allgemein verbindliche Absicht, Sittlichkeit zu bewahren, gerade an diesem Ort nicht zu gefährden.

Wenn auch die Kleiderordnung in Thermalbädern der von sog. „Wilden“ nahe kommt, kann von fehlender Kultur jedoch nicht die Rede sein. Haben doch schon im alten Rom die Gelehrten und Politiker gerne in Thermalbädern diskutiert, wenn nicht gar auf der Latrine. Letzteres geht hier und heute jedoch nur in Bunuel-Filmen wie „Das Gespenst der Freiheit“. Verhandelt wird heutzutage in der Regel im Anzug (oder Kostüm), also in eine ordentliche formklare Schale geworfen. Das lässt die Frage aufkommen, woher eigentlich der Begriff „anzüglich“ stammt, würde er doch besser auf den Bademantel zutreffen. Das Handtuch lässig über die Bademantel-bedeckte Schulter geworfen, ist dem Anblick einer Tunika-Bekleidung aus dem alten Rom jedoch nicht ganz unähnlich und zeugt von Zeiten, in denen Wellness und Philosophieren noch eins war.

Sonntag morgens beim Frühstücken ist der Bademantel durchaus das rechte Bekleidungsstück. Man hat lange geschlafen, möchte aber nicht sogleich vom Bettzeug ins Tageszeug springen, sondern nimmt das Bademantel–Outfit als angemessene Zwischenstufe vom Träumen zum richtig wach sein. Auch hier zeigt sich der Bademantel als Zwischen- oder Übergangsding, mit dem man sich selber in einen wohligen, weil entspannt unentschiedenen, Zwischenzustand von irgendwie schon, aber doch noch nicht so ganz In-der-Welt-sein versetzt. Man hat einen Mantel übergezogen, um raus zu gehen, aber nur raus aus dem Bett und bis zum (nächsten) Frühstückstisch. Vielleicht legt man sich nach dem Frühstück doch nochmal hin? Hier ist man jedoch ganz Privatiér und nicht in der Öffentlichkeit eines Restaurants. Das macht den Unterschied aus, dass man sich im Bademantel bekleidet in der heimischen Küche nicht merkwürdig fühlt, solange kein Besuch kommt.

In besseren Hotels findet sich meist einen Hotel-eigener Bademantel im Schrank, der als Bekleidungsstück für den Übergang jedoch oft „Morgenmantel“ genannt wird. In der Regel verlässt man mit Morgenmantel bekleidet das Hotelzimmer nicht, sondern lässt sich das Frühstück aufs Zimmer servieren. Der Morgenmantel ist Inbegriff eines Laissez-faires, der gerade in guten Hotels zum Stil gehört. Hat man seine Kultiviertheit schon genug unter Beweis gestellt, ein solch nobles Hotelzimmer bezahlen zu können, kann man sich gerade deshalb eine solche Bekleidungs-Nachlässigkeit leisten. Ein Hauch von Dekadenz ist dem nicht abzusprechen, auch wenn man zuvor nicht in Champagner gebadet hat. Mit einem Bademantel bekleidet über Hotelflure zu schlurfen, schickt sich jedoch nicht, es sei denn, man befindet sich geradewegs auf dem Weg von der Hotel-eigenen Sauna zu seinem Zimmer.

Aber es gibt einen Ort, wo Bademäntel gerade auf Fluren das richtige Outfit sind. Hier zeigt sich die Kehrseite des bequemen Behémien-Dresses für lässige Philosophen. Selbst wenn so manches Nachthemd oder Schlafanzug mehr formklare Ästhetik beweist, hat man den Bademantel über zu ziehen, wenn man sich vom Krankenhauszimmer in den Krankenhausflur begibt. So schickt es sich! Nicht selten schiebt man dabei seinen Tropf spazieren oder stützt sich auf eine Krücke. Hier bedeutet der Bademantel, dass man vom kultivierten Leben – zumindest zeitweise – verbannt wurde, in Quarantäne. Man darf sich hier nicht hängen lassen, gerade weil man sich das leisten kann, sondern man ist dazu verdammt, seinem desolaten – eher hängend als aufrechten – körperlichen Zustand angemessen zur Schau zu stellen. Plötzlich mutiert das „Ach, was geht’s mir gut“- Outfit vom gemütlichen Sonntagsfrühstück zum: Du siehst aber schlecht aus und dir geht’s auch schlecht.

Jetzt wird es aber Zeit, mich anzuziehen …

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