Die be-dingte Wollust: Claes Oldenburg

Neulich musste ich wieder mit ins Museum …

Es fängt ganz überschaubar an. Betritt man die Ausstellung „Claes Oldenburg: The Sixties“ im Museum Ludwig in Köln, steht man erst mal vor metergroßen dunkelbraunen unförmigen ledrigen Klumpen. Ein paar Sekunden später: „Aahh, das sind Stecker“ (dauert etwas, weil uns die Form amerikanischer Stecker nicht unbedingt vertraut ist). Als Bestätigung findet man das Gegenstück dazu an der Wand gegenüber, die faltigen Innenseiten der Steckdosen-Schlitze leicht ins vaginal-rosige übergehend. Im nächsten Raum übereinander gestapelte braun- und beigefarbene riesige Matratzen in Dreiecksform, oben drauf eine Art Kissen, das wie ein frischer Haufen Scheiße aussieht. Man ist schon fast vorbei (man muss wissen, mein Tempo bei Museumsbesuchen ist recht hoch), da geht einem auf: „Aahh, ein großes Stück Torte“.

Beim nächsten Objekt brauchte ich schon etwas länger. Die vielleicht 4 Meter hohe glänzende pechschwarze Lederskulptur mit ihren obszön herunterhängenden Armen und Schnüren wirkt zunächst wie ein Alien aus einem amerikanischen Science Fiction Film der 50er Jahre, verwandelt sich dann aber schnell in eine irgendwie raffinierte Sado-Maso-Konstruktion aus Lack und Leder (was man damit wohl anstellen kann?), und erst nachdem ich dreimal herumgegangen bin, passiert es wieder: „Aahh, ein Ventilator“ (dessen Flügel durch die Schwerkraft nach unten gezogen werden).

Schafft man den Weg vorbei an den beiden Gips-Hamburgern, die einen wie gefräßige sabbernde Mäuler mit ihren Ketchup-Augen ansehen, taucht man ein in eine Welt voller Dinge, die immer mehr sind als sie scheinen, die sich verwandeln, umverwandeln, zurückverwandeln, und doch immer noch mehr erahnen lassen. Vieles wirkt wuchtig, monströs, üppig, aber immer lebendig, organisch, archaisch, erotisch, und sind am Ende doch nur die Dinge, die uns täglich umgeben.

Spätestens im „Mouse-Museum“ (einem Museum im Museum in Mickey Maus-Form) geht es vorbei an hunderten kleinen Objekten, die einen in einen rauschhaften Verwandlungs-Wirbel aus Alltagsgegenständen, Kitsch, Fetischen, religiösen Ikonen, Alpträumen und Sexspielzeug führt (ok, irgendwann weiß man auch nicht mehr, wo einen die eigene Fantasie so hintreibt), teilweise aufgereiht wie Relikte archäologischer Ausgrabungen, bei denen aber banale Dinge des täglichen Lebens (neu) entdeckt wurden.

Claes Oldenburg wollte mit seiner Kunst das Ungeheure, das Monströse und Bedrohliche des modernen Lebens zeigen, darin steckt vermutlich – wie bei vielen Vertretern der Pop-Art seiner Zeit – auch ein Stück Kultur- und Konsumkritik. Zu einer Zeit, in der Vance Packard „Die geheimen Verführer“ veröffentlicht hat. In einigen von Oldenburgs Werke geht es auch um Protest gegen den Vietnamkrieg. So werden seine Werke in den „Sixties“ vermutlich auch überwiegend gewirkt haben. Jede Kunst aber kann nur in ihrem historischen Kontext betrachtet werden, und dieser Kontext hat sich geändert. Die heutige Zeit ist eher durch postmoderne Beliebigkeit und Gleich-Gültigkeit gekennzeichnet. Wir leben zudem in einer Zeit, in der die Dinge mehr und mehr im digitalen Orbit verschwinden und ihre organische Sinnlichkeit einbüßen.

Daher wirkt Oldenburgs Kunst heute nicht mehr wie Konsumkritik. Sie macht – im Gegenteil – eher wieder Lust auf Alltag und Konsum, indem sie das Organische, Sinnliche, Verführende in den Dingen des Alltags geradezu revitalisiert, und ihnen ihre Materialität in Form von Stoff, Gips oder Lack (wieder) gibt. Das ist das Interessante an der Ausstellung: Wie sich die Wahrnehmung von Kunst mit der Zeit verwandeln kann, und wie sie uns erneut etwas über unsere heutige Kultur zeigt. Und das macht seine Kunst erst so zeitlos (und mir angesichts der Gips-Hamburger eher Lust auf McDonalds).

So gefällt mir das mal wieder im Museum …

Übrigens ist Oldenburg auch ein schönes Beispiel für epistemische Objekte und künstlerische Forschung, wie auch wir sie verstehen. Und einiges gemeinsam hat er auch mit einem meiner Lieblingskünstler, Erwin Wurm, auch wenn der ganz andere künstlerische Mittel wählt.

Claes Oldenburg lebt und arbeitet in New York. Die Ausstellung „The Sixties“ im Museum Ludwig ist noch bis zum 30. September 2012 zu sehen. Empfehlung. Hingehen!

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