Ist das Kunst oder kann das weg?

Kann man heute eigentlich Kunst noch als solche erkennen? Ist dies hier z.B. eine Kunst-Installation oder war der Elektriker nur noch nicht da?

(Auflösung: Der Elektriker war noch nicht da.)

Wer liest nicht belustigt Meldungen wie folgende:“Putzfrau entsorgte Kunstwerk“ (siehe Artikel). Hat man es doch schon immer geahnt: Der Grad zwischen bestaunenswerter Kunst und unwertem Müll ist schmal, sehr schmal.

Wie in anderen Bereichen ebenso, gibt es auch in der Kunst grundsätzlich verschiedene Ansichten dazu, was als Kunst gelten soll und darf und was nicht und nach welchen Kriterien man die Qualität eines Kunstwerks bewerten kann. Dabei scheint es heute jedoch zunehmend Konsens zu sein, sich im postmodernen „Alles ist möglich“ auszubreiten und die Bewertung dem Kunstmarkt zu überlassen. Nur noch selten wird noch ein gesellschaftlicher Dialog über Kunst geführt, eine Auseinandersetzung dazu, was als Kunst gelten soll. Doch die Kunst ist eine kulturelle Domäne, also von Menschen gemacht, die nicht einfach existiert, sondern im Diskurs und Handeln der Kultur erst geschaffen wird. Sie existiert nur, weil sie im gegenseitigen Zeigen und Diskutieren, in der kulturellen Auseinandersetzung bestimmt und immer wieder neu definiert wird.

Künstlerische Freiheit wird gerne als Grund für den fehlenden Diskurs postuliert und dass ja jeder irgendwie ein Künstler sei, es also keine Kriterien für Kunst gibt und auch nicht geben soll. Das klingt zunächst sympathisch tolerant, verkennt aber, dass hier Freiheit längst zur Beliebigkeit geworden ist. Wenn Kunst alles sein darf, dann ist sie im Grunde nichts und dass zwischen Kunst und Müll nicht mehr unterschieden werden kann, weil jegliche Unterscheidungskriterien fehlen, wundert dann nicht. Die Form der Freiheit, die hier propagiert wird, entpuppt sich als eine Auflösung der Kunst in Bedeutungslosigkeit.

Welche Kriterien für Kunst kann man aber diskutieren, ohne wieder in vormoderne Dogmen zu verfallen? Wenn Kultur die Domäne der Sinnstiftung einer Gesellschaft ist, so ist die Wirtschaft die Domäne der Güterversorgung- und Verteilung. Überlässt man die Bewertung von Kunst allein dem Kunstmarkt, bestimmt letztlich das Wirtschaftspotenzial, was gute und was schlechte Kunst ist. Sinn wird käuflich. Um wieder gesellschafts-kulturelle Relevanz zu erlangen, muss Kunst ihrer sinnstiftenden Funktion gerecht werden. Gegenstandslose / informelle  (hier verstanden als themenlose und nicht als abstrakte) Kunst, die völlig offen lässt, was sie zeigen oder bewirken will, weil sie frei von jeder künstlerischen Absicht ist, überlässt dem Betrachter, was dieser in der Form- und Farbspielerei erkennen und entdecken möchte. Das regt sicher die Phantasie an, aber können das Wolkenformation, Flecken oder Rauhfasertapeten nicht ebenso gut? Es wird der Aufgabe des Künstlers als Sinnstifter nicht gerecht, weil der Sinn hier bestenfalls vom Betrachter gestiftet wird, nicht vom Künstler.


gegenstandslos (Technik: Aquarell mit geschlossenen Augen)
… hübsch und phantasieanregend ist es ja, aber es bedeutet nichts.

Eine erste Grundbedingung muss demnach sein, dass der Künstler überhaupt von irgendeiner Intention geleitet wird. Ob der Betrachter schließlich genau das in dem Kunstwerk erkennt, was der Künstler beabsichtigt hatte, ist noch eine andere Frage. Der Betrachter ist immer auch Teil des Verstehens. Auch beim Sprechen hört der Zuhörer das Gesprochene so, wie er es verstehen will oder kann. Bilder und Objekte sind meist noch vielschichtiger und mehrdeutiger als Worte. Das ist ihre Stärke, die nicht verloren gehen sollte. So kann nicht Bedingung sein, dass der Betrachter sofort und klar die Intention des Künstlers erkennt. Das sofortige Verstehen könnte auch ein Hinweis auf ein oberflächliches, intellektuell anspruchsloses Kunstwerk sein.

Dennoch ist als Bewertungskriterium für Kunst vorstellbar, ob zumindest bei einer längeren und intensiven Exploration des Werks durch einen Betrachter, die Intention des Künstlers annähernd erschließbar wird. Aber kann man überhaupt in jedwed geartetem Werk erkennen, ob ein Künstler eine Intention hatte? Gerade in gegenstandslose Kunst kann man als Betrachter dem Künstler jede Menge Bedeutungsabsichten in sein Werk hinein interpretieren und glauben, das habe sich der Künstler sicher ebenso dabei gedacht. Was also tun, um sicher zu gehen, ob und was der Künstler tatsächlich mit seinem Werk meint?

Im Zweifel: Man fragt ihn einfach. Es spricht auch nichts dagegen, wenn der Künstler über den Titel des Werks oder wörtliche Umschreibungen zu seinem Werk dem Betrachter auf die Spur hilft. Aber wofür braucht man dann Kunst? Wenn der Künstler so einfach sagen kann, was er beabsichtigt hat, warum sagt er es dann nicht einfach? Warum zeigt er uns stattdessen ein Kunstwerk, in dem sich die Absicht nur schwer erschließt? Will er mit uns Rätselraten spielen oder ist am Ende Kunst nicht doch nur die ästhetische Verschönerung von Gedanken, die man auch genauso gut und viel schneller und verständlicher aussprechen könnte?

Hier wird – neben der Intention – ein zweites Kriterium nötig: Das Kunstwerk sollte etwas zeigen (oder zusätzlich zeigen), das sich gar nicht oder nicht so einfach sagen lässt, etwas, das man nicht in Worten beschreiben kann, weil man es sehen muss, sich körperlich hinein versetzen muss, weil es von seiner Bildeinheit lebt, die sich in linear aneinander gereihte Worte nicht übersetzen lässt, weil seine lebendige Präsens in einer wörtlichen Beschreibung verloren ginge. Ein Kunstwerk, das lediglich eine aussprechbare Idee in ein Bild übersetzt, ist eigentlich nur eine Illustration. Es muss also mehr haben, als sagbar ist.


Thomas Demand: „Parlament“ (Artikel aus der Zeit zum Bild)

Wie kommt aber die Intention in das Werk, wenn es nicht reicht, eine vorhandene gedachte Idee in ein Bild oder Objekt zu übersetzen? Das kann geschehen, indem schon diese Intention des Künstlers nicht aus wörtlichen Ideen, sondern aus Gestalten besteht. Eine Intention oder eine Idee muss nicht zwingend in Form von Worten in die Welt kommen. Ein direktes Denken in Bildern oder Objekten kennt die Gestaltpsycholgie, nennt es „Gestaltdenken“ und vertritt die Ansicht, dass diese Art des Denkens eigentlich viel gewöhnlicher ist und das menschliche Ergründen und Erkennen viel mehr bestimmt, als das logisch-rationale Denken in Worten. Da wirken auch nicht einfach Emotionen, sondern am ehesten noch Intuition, versteht man diese als unmittelbares Wahrnehmungsdenken ohne Worte. Auch muss diese Intuition nicht zwingend unbewusst sein, selbst wenn sie das bei den meisten ist. Sie kann ebenso – und das wäre eine wichtige künstlerische Kompetenz – bewusst gemacht und bewusst eingesetzt werden, gerade mit der Hilfe künstlerischer Mittel.

Alltägliche Beispiele zum Gestaltdenken gibt es viele: Mir rutscht z.B. eine Münze in einen Spalt. Ohne erst in Worten reflektierend die Situation zu erfassen und dann nach einer Lösung zu suchen, schaue ich mich spontan nach einem langen Stock oder ähnlichem um, der mir helfen kann, die Münze zurück zu holen. Hier wirkt eine Art Mustererkennung. Man sucht nach etwas, das die passende Form hat. Das wirkt oft so unüberlegt wie Gewohnheitshandlungen, tritt aber gerade häufig in eher ungewohnten Situationen auf. Es kann sogar den sog. kreativen „Aha-Effekt“ erklären, der eine plötzliche Erkenntnis bezeichnet, die sich einstellt, obwohl man scheinbar gar nicht drüber nachgedacht hat. In Worten hat man tatsächlich nicht darüber nachgedacht, jedoch in Bildern / Gestalten.

Ein Künstler kann also so vorgehen, dass er mit aufmerksamen Blicken seine Umwelt betrachtet, dabei etwas entdeckt, ohne Worte. Es können sich Wiederholungen, zusammenhängende Muster und übergeordnete Strukturen zeigen, Ähnlichkeiten und Differenzen vom betrachtetem Ding zu anderen Dingen auffallen. Das Wahrgenommene und Erkannte lässt sich weiter ohne Worte – stattdessen mithilfe von Skizzen und Modellen – auf eine wesentliche Erkenntnis fokussieren und so ein Ergebnis generieren, das nicht nur keine Worte für die Erforschung benötigt hat, sondern das Worte gar nicht in dieser Form sagen könnten.


Struktur-Ähnlichkeit (Isomorphismus): Trauerweide / Trauer

Die einzige Kunstrichtung, die bei Anwendung der beiden erörterten Kriterien heraus fallen würde, wäre dann die gegenstandslose Kunst (siehe oben), die keine Absicht hat und nichts zeigen oder bewirken will, sondern dem Betrachter im Grunde die künstlerische Sichtweise und das Generieren eines möglichen Sinns selbst überlässt.

Aber kann man nicht in der Kunst auch einfach Farben und Formen erforschen? Sicher kann man das. Nur wird in diesem Fall eine Antwort auf die Frage, mit was der Künstler sich denn beschäftigt und was er bereits heraus gefunden hat, wahrscheinlich differenzierter ausfallen, als die schlichte Antwort: „Ich beschäftige mich mit Farben und Formen“ (und mit Pinseln und Leinwand, möchte man ergänzen). Eine solche Aussage wirkt verdächtig nach einer Ausrede dafür, dass man sich eigentlich mit nichts befasst.

Stattdessen würden sich neue Möglichkeiten für Kunst ergeben: z.B. Kunst als Forschungsmethode, Forschen im Gestaltdenken. Wenn Kunst immer mehr ist, als sich mit Worten sagen lässt, muss es also ein Mehr geben, das sich nur durch künstlerische Ausdrucksweise zeigen lässt. Kunst kann also Erkenntnisse / Sinn generieren, die zumindest anders sind als die Erkenntnisse, die heute die Wissenschaft herstellt. Künstler könnten mit ihrer Fähigkeit des Gestaltdenkens über künstlerische Forschung einen neuartigen kulturellen Beitrag zur Erkenntnisgewinnung leisten mit einem Mehrwert durch das Zeigen von nicht Sagbarem.

Kunstwerke sind dann epistemische Bilder / Objekte, die ein Forschungsergebnis zeigen, das sich so in Worten nicht sagen lässt. Sie sind dann auch nicht mehr hauptsächlich für das Kunstmuseum geeignet, was aber nicht unbedingt einen Verlust darstellt, sondern sehr wohltuend sein kann, wenn die Kunst sich aus ihrem „white cube“ befreit und wieder mehr Relevanz für die Erschließung und Sinnstiftung von Kulturphänomenen erhält.

So könnte Kunst sogar wieder eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erhalten: künstlerisches Forschen nach dem Sinn der heutigen Phänomene und über das Kunstwerk dem Betrachter Sinn-Angebote machen, um heutige Phänomene besser zu verstehen. Weil Kunst mit ihrer Bildsprache Dinge zeigen kann, die Worte nicht oder weniger deutlich zeigen können, kann Kunst damit ganz anders Bedeutungen ermitteln und Sinn stiften, als andere Sinnstiftungs-Domänen (z.B. Religion, Philosophie, aber auch Wissenschaft), was gerade in einer Kultur der zunehmenden „Bilderflut“ eine adäquate Form darstellt.

Künstlerische Freiheit würde hier ebenfalls neu definiert. Sie meint dann nicht mehr alles zu dürfen, sondern alles zu können. Um verschiedenste Intentionen zu realisieren, ohne bei der Wahl des Themas oder der Realisationsarten Einschränkungen hinnehmen zu müssen, muss ein Künstler möglichst viele künstlerische Techniken beherrschen. Sicher darf es auch sein, dass der Künstler sich für die Ausführung Hilfe von entsprechenden Handwerks-Experten holt. Das macht ihn aber schon wieder von diesen Handwerks-Experten abhängig und somit unfreier. Je mehr er also selbst kann, je mehr Ausdrucksweisen und Techniken ihm zur Verfügung stehen, um so höher ist seine künstlerische Freiheit, jede nur erdenkbare Intention in die Tat umsetzen zu können.


epistemisches Bild: Handy-Embryo

Das hier geschriebene kann und soll natürlich nur eine Einladung zum Diskurs sein, um gemeinsam zu entscheiden, was Kunst ist und was nicht. Es kann als Versuch gesehen werden, die Kunst aus der aktuellen beliebigen Belanglosigkeit heraus zu holen und wieder der kulturellen Sinnstiftung zu verpflichten, als notwendiges Diskursangebot, um Kunst überhaupt wieder zu schaffen, bevor sie sich im Alles und Nichts auflöst.

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