Kreativitäts-Mythen II: Intuition

Oft hat man bei einer kreativen Idee keine Ahnung, woher sie gekommen ist. Tagelang hat man angestrengt drüber nachgedacht und just als man mit dem Nachdenken aufhörte, stellte sich die Idee wie von selber ein, intuitiv könnte man es nennen. Schade, dass man es nicht so genau weiß, denn anderenfalls könnte man das, was man zur erfolgreichen Ideenschöpfung getan hat, beim nächsten Mal einfach wiederholen.

Aha-Effekt
Die Phasen kurz vor dem Einschlafen, kurz nach dem Aufwachen, beim Duschen und ähnlich entspannte Situationen gelten als besonders verdächtig zur Förderung kreativer Geistesblitze – oder auch „Aha“- Effekt genannt – so liest man es mitunter in der Literatur zum Thema kreatives Denken. Das sind Dämmerzustände, in denen auch Tagträume frei fließen können. Man fühlt sich an S. Freuds Instanzenmodell erinnert, so als handele es sich um Momente, in denen die strengen Hüter des „Über-Ich“ schwach sind und Gedanken und Vorstellungsbilder erlauben, die sonst nicht in die normierten Regeln passen. Und sind dann nicht Kinder doch kreativer als Erwachsene, weil sie viele Regeln noch nicht erlernt und verinnerlicht haben? (siehe Kreativitäts-Mythen 1)

Logisches Denken
Ziehen wir das Problem von der anderen Seite auf: Fragen wir nicht nach dem, was möglicher Weise fehlt – das bewusste Nachdenken / die erlernten Regeln, sondern nach dem, was stattdessen vorhanden ist: die Intuition. Woher kommen intuitive Erkenntnisse? In unserer abendländischen, aufklärerischen Kultur hat das logisch-rationale Denken der Naturwissenschaft eine besondere Stellung, verdanken wir doch unsere moderne Welt mit all den technisch-wissenschaftlichen Errungenschaften der Ergründung von kausalen Bezügen und logischen Schlussfolgerungen.

Mustererkennung
Andere Formen des Denkens, die vielleicht sogar viel menschen-typischer sind, geraten dabei ins Hintertreffen und ihnen wird sogar zuweilen das Prädikat „Denken“ aberkannt. So wird die Intuition gerne im Bereich „Emotion“ verortet, ohne genau zu klären, was Emotionen im Gegensatz zu reinen Affekten genau sind. Sicher scheint nur, dass sie irgendwie das Gegenteil von Kognitionen sind, also Nachdenken. Trifft das auf die Intuition tatsächlich zu? Eine andere Art des Denkens, das zur Ergründung der Intuition infrage kommt, wird oft als „Mustererkennung“ bezeichnet, beschränkt sich jedoch dann, wenn der Begriff „Mustererkennung“ benannt wird, meist auf das Erkennen genauer Übereinstimmungen, wie z.B. bei der computergestützten Gesichtserkennung.

Wahrnehmungsdenken
Die Mustererkennung gehört jedoch in eine andere Form des Denkens, die ein wenig in Vergessenheit geraten ist und als „Wahrnehmungsdenken“ (Baumgarten) oder „Gestaltdenken“ (Gestaltpsychologie,  Köhler) bezeichnet wird. Bei dieser Bezeichnung wird deutlicher, wie Intuition funktioniert und es zeigt sich gleichzeitig eine Verbindung mit Inspiration, dem Holen von Anregungen über die sinnliche Wahrnehmung neuer, oder intensiverer Betrachtung bekannter Phänomene. Es ist also ein Denken, das ohne Worte, ohne bewusstes rationales Denken auskommt, das die Erkenntnis direkt aus der sinnlichen (oder auch vorgestellten / erinnerten / phantasierten) Wahrnehmung bezieht. In der Lernpsychologie nennt man es auch „Einsicht“ als Lernen durch Verknüpfen der Elemente einer gesamten Wahrnehmungs-/ Erlebenssituation.

Ähnlichkeiten
Wie die Schwierigkeiten offenbaren, Computern Mustererkennung beizubringen, zeigt sich die Stärke des menschlichen Wahrnehmungsdenkens besonders in seiner Unschärfe. Das macht es für die Kreation neuer Ideen besonders wertvoll, weil es nicht um ein exaktes „So ist es“, sondern um ein Möglichkeiten eröffnendes „So, aber auch so könnte es sein“ geht. Wir erkennen unsere Mutter auch noch, wenn sie beim Frisör war und eine Sonnenbrille trägt und selbst in abstrakten Farbflecken oder Wolkenformationen kann man mitunter Figuren erkennen, die nicht vorhanden sind. Es geht also um Ähnlichkeiten, nicht um exakte Übereinstimmungen. Was als ähnlich gilt, ist davon abhängig, in welcher Kategorie man vergleicht: ähnliche Grundform, ähnliche Farbigkeit, ähnliche Struktur, aber auch ähnliche Verwendung und Funktionalität, und ähnliche Erlebnisse, Geschichten oder Bedeutungen, die man mit dem Phänomen verbindet. Haben wir keinen Hammer, tut es auch die Zange oder ein Stein. Wahrnehmungsdenken bietet also auch echte Lösungen.

Kreativität
Nicht zufällig arbeiten viele Kreativtechniken mit Analogien oder fördern das Betrachten der Phänomene aus einem anderen Blickwinkel, z.B. umgekehrt gedacht. Nicht selten benutzt man Bilder oder Dinge als Material zur Inspiration. In kreativen Methoden wie das sog. „design-thinking“ wird davon ausgegangen, dass Designer (wahrscheinlich) eine besonders hohe Kompetenz in dieser Art des Wahrnehmungsdenkens besitzen, weil sie im intensiven Betrachten und im direkten Umgang mit den Dingen über das Gestalten geübt sind. Auch viele Erfindungs-Anekdoten aus der Literatur passen in diesen Kontext. So soll der Schweizer Ingenieur Georges de Mestral auf einem Spaziergang mit seinem Hund, in dessen Fell sich Kletten verfangen hatten, auf die Idee des Klettverschlusses gekommen sein. Sicher gibt es bei der Ideenentwicklung auch Phasen des logisch-rationalen Denkens. Das erklärt jedoch nicht den Aha-Effekt. Möglich, dass auch de Bonos „laterales Denken“ letztlich auf Wahrnehmungsdenken beruht, da sich die kreativen Sprünge aus der flexiblen Einordnung in Kategorien erklären lassen.

Fazit
Was heisst das nun für den oben beschriebenen Dämmerzustand, das Fehlen des bewussten Nachdenkens und die Freiheit von erlernten Regeln? Hier kommen wir zu den Mythen:

1. Zwar ist ein solcher Dämmerzustand eine Situation, in der wir durch Verzicht auf rationales Nachdenken Raum für das Wirken des Wahrnehmungsdenkens schaffen, das heisst aber nicht, dass es deshalb eine Emotion ist und auch nicht, dass es zwingend unbewusst sein muss. Vielmehr wird die Intuiton durch ständiges Nachdenken in Form stiller Selbstgespräche überdeckt und die Ideen, die sich derweil unbewusst einstellen, vergessen noch bevor sie richtig bewusst geworden sind (Vergessen passiert aber auch, wenn man im Dämmerzustand bleibt und die Idee nicht memoriert oder aufschreibt). Daher haben die intuitiven Ideen in Momenten, in denen man meint über nichts nachzudenken, eine besonders hohe Chance, bewusst zu werden (Aha-Effekt). Man kann das intuitive Denken aber auch ganz bewusst einsetzen, nur heisst bewusst hier nicht, dass man in Gedanken reflektierende Selbstgespräche führt, sondern bewusst wahrnimmt und vergleicht. Entdeckungen – z.B. im Experiment – sind nicht selten das Ergebnis eines Vergleichs zweier Beobachtungen.

2. Auch Wahrnehmungsdenken generiert Wissen in Form eines sinnlichen Erfahrungsschatzes mit einem Fundus an Analogien und ausdifferenzierten Kategorien. Es gehört nicht nur Bereitschaft, sondern auch Übung dazu, sich die Dinge immer wieder so zu vergegenwärtigen, als nehme man sie zum ersten mal wahr („Fremder Blick“ wie es die Schriftstellerin Herta Müller nennt).

3. Verhinderer sind weniger von der Gesellschaft verordnete und verinnerlichte Regeln, als mehr etablierte Wahrnehmungsgewohnheiten und die Bequemlichkeit (oder positiv formuliert: Denk-Effizienz), die Dinge nicht immer wieder neu betrachten und immer wieder hinterfragen zu müssen, solange es eine Notlage (z.B. fehlender Hammer) nicht nötig werden lässt. Kinder haben also den Vorteil, dass für sie viele Dinge noch tatsächlich neu sind, aber den Nachteil, dass ihnen der Erfahrungsschatz für den Vergleich fehlt. Aus dem gleichen Grund sagt den meisten ein Röntgenbild nichts, aus dem ein Arzt eine differenzierte Diagnose abzuleiten imstande ist. Hinzu kommt, dass viele Menschen den Dämmerzustand scheuen, weil hier auch unliebsame persönliche Themen / Probleme ins Bewusstsein drängen, die man lieber verdrängt.

4. Zwar lassen sich Ideen nicht logisch-rational und mit verlässlichem Ergebnis quasi errechnen, gerade weil das Wahrnehmungsdenken seine Stärke aus dem Ungefährem und der Bildung von flexiblen Kategorien zieht. Bewusste Vergegenwärtigung und Systematik spricht jedoch keinesfalls gegen Intuition und verhindert sie auch nicht, sondern kann die Ideenentwicklung maßgeblich fördern,  z.B. kann man konkrete Dinge in einer bewussten Operation (z.B. mithilfe einer Skizze) so abstrahieren, dass sie mehr Ähnlichkeiten mit anderen Dingen erhalten und so mehr Vergleichsmöglichkeiten bieten, oder durch bewusste Kombination von Dingen oder Phänomenen und Kontexten, die eigentlich nicht zusammen gehören (und viele bewusst-systematische „Intuitions“-Methoden mehr). Man kann produktive „Nanu“- Effekte schaffen, die das Gewohnte verwirren und die sich nur mit „Aha“-Effekten auflösen lassen. Das bildhafte Wahrnehmungsdenken / einsichtige Erleben kann hier konkret über Anschaungsmaterial oder Skizzen gefördert werden, oft reicht aber auch die Vorstellung vor dem sog. geistigen Auge.
Das heisst auch, man kann das, was man zur erfolgreichen Ideenschöpfung getan hat, beim nächsten Mal ungefähr wiederholen.

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