Macht der Bilder

Es soll ein Photo gewesen sein, das maßgeblicher Auslöser für die Beendigung des Vietnamkriegs war. Das klingt nach einer dieser urbanen Legenden … Doch fast jeder kennt das Bild mit dem nackten vietnamesischen Mädchen, das schreiend auf der Straße vor einem Soldaten flieht. Kaum jemand kann sich der Wirkung dieses Photos entziehen, der Macht dieses Bildes, die es ausstrahlt und ja, … man kann sich vorstellen, wie das war damals: Der Krieg schickte sein hässliches Gesicht an die sog. „Homefront“ der Zuhause-Gebliebenen, die bis dato an einen irgendwie – einigermaßen – sauberen Krieg geglaubt hatten. Diese Illusion wurde mit dem Anblick des berüchtigten Bildes auf einen Schlag zerstört.

Aber auch in weit erfreulicherer Richtung wirken Bilder weltverändernd. Als man das erste Mal das vom Mond aus geschossene Photo der Erde sah, die so klein wie eine Insel einsam im Dunkel des Weltalls schwebte, war dies ein nicht unerheblicher Auslöser für die spätere Umweltschutz-Bewegung. Die Erde erschien nun als verletzlich und schützenswert … da sah man es deutlich, es gab nur die eine und weit und breit kein Ersatzexemplar.

 

Es scheint, als würden sich Bilder viel tiefer in unser Gedächtnis brennen als Worte, so wie brennende Fahnen ein Mehr an Bedeutungskraft und Konfliktstoff entfachen, als so manche flammende Rede es je vermochte. Nicht das wir uns Bilder unbedingt besser merken könnten und Worte schneller vergessen würden… vielmehr bringen die Bilder mehr in Gang, fast als würden wir das Dargestellte aus eigenem Erleben kennen.

Ein Bild verhält sich […] weniger wie eine Aussage oder ein Sprechakt, als dass es einem Sprecher gleicht, der zu einer unendlichen Zahl von Aussagen fähig ist.“ sagt Bildwissenschaftler  W.J.T. Mitchell.

Der Psychologe Frank Keil, Forscher der Yale University, konnte in einem Experiment nachweisen, dass wir den Aussagen von Bildern mehr vertrauen als den Aussagen von Texten. Widersprechen Bild und Text einander, halten wir die Bildaussage für wahrer als die Textaussage.Warum stürzende Diktatorstatuen für den Sturz eines gesamten Regimes stehen können, ist auch heute noch nicht vollständig erforscht. Lange wurde das Thema jedoch in der Forschung sträflich vernachlässigt, weil der Wahrnehmung – so schon Plato – könne man ohnehin nicht vertrauen, und nur am Denken (dem „reinen“ Denken, wie auch immer man es reinigt) erkennt man das Sein. Nur, wenn ich denke, bin ich … oder anders ausgedrückt: Das Wesentliche an mir ist das Denken, möglichst losgelöst von jeder Wahrnehmung: Wenn A = B und B = C, dann A= C. Im Umgang mit Bildern sind wir hingegen kaum geübt.

Im Zeitalter der Medien – man redet nicht ohne Grund von einer zunehmenden Bilderflut – wird uns dieser „Animaginatismus“ (Wortschöpfung angelehnt an „Analphabethismus“) fast zum Verhängnis. Ironie und ähnliche feine Untertöne haben wir gerlernt in Texten zu erkennen. Argumentieren haben wir schon in der Schule geübt. Der Macht der Bilder hingegen sind wir zunehmend ausgeliefert. Wie eine fremde Sprache brabbeln sie auf uns ein. Doch es ist eine urtümliche Sprache, die irgendwo in uns etwas auslöst, mit der wir jedoch kaum bewusst umgehen können …

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