Kreativitäts-Mythen I: Kinder sind kreativ

Das weiß doch jeder: Kinder sind noch alle sehr kreativ, aber wenn sie erst einmal erwachsen werden … Ich kann mich allerdings nicht so recht an die letzte geniale Erfindung oder das letzte revolutionäre Design erinnern, bei dem die kreative Idee von einem Kind stammte… Sie?

Was hinter dem Mythos der herausragenden kindlichen Kreativität steckt, lässt sich aus den Eigenschaften ableiten, die Kreativen gerne zugewiesen werden: Der Kreative an sich ist unbedarft und nicht mit unnötigem Wissen belastet. Das färbt dann auch auf z.B. Kreativtechniken ab, bei denen man die Ideen ganz locker aus dem Hirn spuckt – quasi aus dem Nichts oder dem Unter-, Über-, Neben-, Zwischenbewusstsein oder woher auch immer …
Wenn man länger darüber nach grübelt, was hinter dieser Vorstellung steckt, muss man sich zuerst fragen: Woraus entstehen die Ideen, und vor allem: woher kommen sie, wenn der Zustand kindlicher Unbedarftheit besonders für kreativen Einfallsreichtum geeignet sein soll? Kreative Einfälle scheinen im Erleben manchmal aus dem Nichts zu kommen. Plötzlich sind sie da. Aber ist die These der Unbedarftheit haltbar?

Überlegung 1: Die Ideen kommen von außen (göttliche Eingebung)
Entsteht die Idee wie von Zauberhand oder fällt wie ein Einfall von irgendwoher ein, muss das Hirn (oder was auch immer) eine Art geistiges Empfangsgefäß für kreative Ideen sein, das – je leerer es ist, also je unbedarfter das Kind – um so mehr neue Ideen aufnehmen kann. Jede schon vorhandene Wissensfüllung wirkt dann wie ein störendes Wissensraster, das alle eindringenden Impulse sofort in Wissensfächer einordnet. Das würde erklären, warum bei Erwachsenen mit schon recht gefülltem Hirn, eine unbedarfte Empfängnis ungewöhnlicher Ideen behindert wird, weil der wissens-bedingte Realitätsabgleich den ungewöhnlichen Einfall sofort blockiert. In der Vorstellung der Existenz eines kreativen Empfangsgefäßes kommt man jedoch nur schwer drum herum, danach zu fragen, wer denn das sendet, was empfangen wird und will man nicht Gott mal wieder für alles verantwortlich machen, bleibt die Antwort offen.

Überlegung 2: Die Ideen entstehen aus dem Nichts (Genialität)
Man könnte auch sich irgendwie aus dem Nichts entwickelnde Ideen annehmen. Aber was entwickelt sich aus dem Nichts, ohne spirituell metaphysisch zu sein? Nichts.
Vielleicht lässt sich die Frage nach dem Sender vermeiden, wenn man eine menschliche Fähigkeit annimmt, die umgekehrt proportional aus möglichst wenig, viele ungewöhnliche Ideen fabriziert. Ein vielversprechender Kandidat für diese Fähigkeit ist die sog. Intuition, oder was man gemeinhin darunter versteht (siehe auch Kreativitäts-Mythen 2: Intuition). Doch gerade, wenn man sich selbst seiner kindhaft unbedarften Intuition überlässt, ist die größte Gefahr, dass diese vor allem zum Denken des Gewöhnlichen verleitet. Denn das ist doch dieselbe gedankenlose Intuition, mit der wir fast wie automatisch Auto fahren können oder andere gewohnte Dinge verrichten. Warum sollte ausgerechnet aus dieser Quelle Ungewöhnliches zu erwarten sein?

Überlegung 3: Unbedarfte Kreativität ist ein Mythos
Können sich Ideen aus dem, was bereits da ist, entwickeln, müsste die Menge des vorhandenen Wissens eher einen positiven Einfluss auf die Ideenentwicklung haben. Entscheidend ist hier sicher, wie man die einzelnen – was immer es sei: Informationen, Bilder, Eindrücke – neuartig durchmischt, überträgt und neu kombiniert. So lassen sich gute Argumente für ein solides Halbwissen in verschiedenen Bereichen finden, anstelle eines einseitigen Fach(idioten)wissens, weil sich bei ersterem mehr Verschiedenes zum vermischen findet.
Andererseits ist ein tiefes Fachwissen schon allein dafür nützlich, zu wissen, wo die dringenden Probleme im Fachbereich lauern, die so sehr eine kreative Lösung suchen, dass der Nobelpreis nicht ausgeschlossen ist. Folgern wir also: In einem Fach darf das Fachwissen ruhig hoch sein, aber es sollte auch noch solides Halbwissen auf dem ein oder anderem Gebiet zusätzlich existieren.

Fazit:
Gemäß Überlegung 3, die als einzige plausibel die Herkunft von Ideen aufzeigen kann, müssten – im Gegensatz zum Mythos – Erwachsene die besseren Voraussetzungen zur Entwicklung kreativer Ideen haben, sogar je älter und erfahrener – solange man nicht abstumpft, oder sich in eine Fachidiotie- Sackgasse verfährt – um so besser. Die sog. Kreativwirtschaft zeigt hier aber ein ganz anderes Bild: Jung müssen die Mitarbeiter sein, irgendwie unverbraucht, also unverbildet. Auch diverse Ratgeber zur kreativen Aufpeppung des Selbst und des selbigen Lebens zeigen oft einen Hang zu Empfehlungen, die eine Art kindliche Gedankenlosigkeit und Naivität zum Ziel haben. Selbst der berühmte kreative „Flow“ tendiert in diese Richtung.

Irgendwie ist das Gerücht nicht auszurotten, dass Kinder doch ach so kreativ sind … aber das hat es mit vielen anderen Mythen gemeinsam, die in den weiteren Teilen von „Kreativitäts-Mythen“ behandelt werden.

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