Gegenwelt Tatort Münster

Thiel und Boerne ist ein Gespann, das ungleicher nicht sein könnte. Da ist einmal der Ruhrpöttler Thiel, immer etwas ungepflegt und schlampig, meist verkatert, und wenn er es nicht ist, sieht er zumindest so aus. Auf der anderen Seite Professor Boerne, der Leichenfledderer aus der High Society, der Wagner hört und Golf spielt, und vornehm bis zur Lächerlichkeit ist. Meistens sind Thiel und Boerne wie Katz und Maus. Manchmal, nach drei Flaschen Wein, liegen sie sich auch mal in den Armen. Sie wohnen nämlich praktischerweise auch gleich gegenüber in einem Haus. Aber lange hält die Eintracht nie.

Außerdem gibt es da noch den Vater von Thiel, der Alt-Hippi mit grauem Zopf, der Taxi fährt und Haschisch raucht. Und Alberich, eigentlich Frau Haller, die freche Assistentin von Börne in der Gerichtsmedizin, die von Börne so genannt wird, weil sie kleinwüchsig ist. Ach ja, und dann gibt es noch die kettenrauchende Staatsanwältin, die schon mal einen Verdächtigen entkommen lässt, weil sie unbedingt rauchen muss und das Fenster aufgelassen hat. Das sind die Zutaten des Münsteraner Tatorts. Der Fall selbst ist hier Nebensache. Alles dreht sich um die skurillen Anti-Helden und ihre Beziehungen und Verwicklungen.

Der Tatort aus Münster ist derzeit der beliebsteste Tatort der Deutschen. Woran liegt das? Einfach, weil er gut gemacht ist? Oder hat dies auch etwas mit unserer aktuellen Kultur und Zeit zu tun? Im Münsteraner Tatort entspricht niemand der Norm, aber alle Skurillitäten werden toleriert. Man fetzt sich ordentlich aber letztlich bleibt alles harmlos und liebenswert. Ist der Tatort Münster vielleicht mehr als ein TV-Krimi und steht für ein umfassendes Lebensgefühl? Für eine Welt, in der nichts perfekt ist, nichts normal, die nicht effizient ist, aber alles völlig konsequenzlos und furchtbar menschlich ist? Also alles das, was das reale Leben gerade nicht ist?

Die reale Lebenwelt 2012 ist eine, in der man funktionieren und vielfältigen Ansprüchen genügen muss, die auf Effizienz ausgelegt ist, in der Menschlichkeit manchmal zu kurz kommt, und die als brüchig erlebt wird angesichts bestehender und drohender neue Krisen. Der Tatort Münster verkörpert eine wohltuende Gegenwelt. Er bietet für 90 Minunten eine entlastende Reise in eine Wunsch- und Ideal-Welt. Er ist der beliebteste Tatort und eine der erfolgreichsten TV-Sendungen, sicher auch weil er gut gemacht ist – aber v.a. weil er einen aktuellen Gegentrend, eine aktuelle Sehnsucht bedient.

Die nächsten Tatort aus Münster werden am 26.4. um 20:15  (Satisfaktion, Wiederholung von 2007) und am 17.5. um 20:15 (Krumme Hunde, Wiederholung von 2008) im WDR Fernsehen ausgestrahlt.

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