Damenhandtasche: Schaulauf und Unterwelt

Da wühlt sie nach ihrem Lippenstift. Holt eines nach dem anderen heraus, breitet es auf dem Tisch aus. Erstaunlich, was so alles in eine kleine Handtasche passt. Dabei hat sie die intimen Dinge im dunklen Grund der Handtaschen-Unterwelt gelassen. Die gehen keinen etwas an!

Um die Psychologie von Dingen zu ergründen, kann man ihre Verwender und Besitzer tiefenpsychologisch befragen, was bei manchen Dingen jedoch die ein oder andere Peinlichkeit hervor ruft: „Ein Kondom, wofür haben Sie denn das dabei?“. Man kann aber auch die Dinge und ihre Verwendung selbst erforschen (z.B. mithilfe von Phänomenskribbling): Welche verschiedenen Formen gibt es? Wie werden sie am Körper getragen und gehandhabt? Was ist der typische Inhalt von Damenhandtaschen?

 

 

1. Trageformen und Design:

In der Fußgängerzone mache ich ein paar Stunden lang Fotos und Skribbles davon, wie Frauen ihre Handtaschen tragen. Mal von der Hüfte gestützt, mal lässig am Handgelenk baumelnd. Manchmal unter dem Arm verborgen und ein anderes Mal auffällig demonstrativ platziert. Viele Frauen legen sichtlich Wert darauf, dass das Handtaschendesign zum gesamten Styling passt.
Das Design und die Art die Tasche zu tragen kann die modebewusste Frau von Welt unterstreichen, den Hang zum Außergewöhnlichen, die Femme Fatale, die Grande Dame mit einem Kleinod von Gucci, oder die Reminiszenz an die Zeit als man noch ein niedliches Mädchen war mit rosa Schleife im Haar.

Der Stil der Handtasche ist eine Aussage. Sie stellt – zusammen mit dem restlichen Outfit – dar, als was sich Frau zeigen möchte. Und weil Frau zu verschiedensten Gelegenheiten eine jeweils andere Art der Darstellung bevorzugt, hat sie im Kleiderschrank nicht nur viele Paar Schuhe, sondern auch die jeweils passende Handtasche.

2. Tascheninhalte:

Im Internet finden sich eine Menge anonymer Fotos von ausgeschütteten Handtascheninhalten. Manche Dame lässt mich aber auch mal einen Blick in ihr Allerheiligstes werfen.

Ich zeichne die verschiedenen Gegenstände und zähle, wie oft derselbe Gegenstand in verschiedenen Handtaschen vorkommt:

Schlüssel, Geldbörse, Schminkzeug, ein Buch, Zettel und Flyer, Eintrittskarten für längst vergangene Ereignisse, Fotos von Orten oder Personen (machmal vergilbt oder zerrissen), Tabletten, Tampons, kleine Kuscheltiere, Talismänner … Die ordentlichste Frau, die ich kenne, lässt mich – ein wenig verlegen – in das völlig chaotische Innenleben ihrer Tasche schauen: Klebrige Bonbons ohne Papier, halbe Kaugummis. „Ach, was ist denn das? Das hab ich ja schon ewig gesucht!“

Weil oft die Form der Dinge allein zu wenig preisgibt, zeichne ich häufig vorkommende Gegenstände in ihrer Verwendung.

3. Selbstexploration:

Ich mag ja eigentlich Handtaschen nicht, besitze nur wenige und sehe mich nicht als typische Dame, die nicht ohne ihre Handtasche das Haus verlässt. Passend zu den Schuhen, von denen ich auch nicht viele besitze, ist hier schon gar keine. Eine für „praktisch“, eine andere für „schick“ und noch eine für „business“, auch schick, aber gerade so groß, dass das Netbook rein passt. Von jeder meiner Handtaschen schütte ich den Inhalt auf den Fußboden. Wer hätte das gedacht? Trage ich doch im Prinzip dieselben Dinge mit mir herum wie andere Frauen.

 4. Vergleiche und Ergebnisse:

Ich pinne alle Zeichnungen an die Wand, sortiere sie. Auffällig ist, dass die öffentliche Seite der Handtasche – Design und Trageform – in einem Widerspruch zum Inhalt steht.

Das Öffentliche der Handtasche repräsentiert, stellt zur Schau, zeigt die Haltung eines bestimmten Frauentyps. Vergleicht man die verschiedenen Verwandlungstypen, die sich in den diversen Designs von Frauenhandtaschen spiegeln mit den wenigen Taschenformen von Männertaschen, scheint Frau viel mehr Möglichkeiten zu haben, je nach Anlass oder Stimmung einen anderen Frauentyp zu verkörpern. Frauen als Verwandlungskünstler kommunizieren über ihr Erscheinungsbild.

Ganz anders das Innenleben der Handtasche. Neben den ständigen Begleitern wie Haustürschlüssel oder Monatsfahrkarte und allerlei Nützliches – für alle Fälle – wie Kugelschreiber oder Flaschenöffner, offenbart sich im Innern der Handtaschen ein intimer Seelenkeller, ebenso unsortiert wie das Seelische selbst und alles andere als zur Repräsentation tauglich: Die Tabletten weisen auf Krankheiten hin, unter denen man leidet und die Sehhilfe, die man nur im Notfall heraus kramt, zeigt doch all zu deutlich, dass Frau alt wird. Ein Haufen Schmink-Utensilien schafft Milderung. Zerrissene Bilder verraten die heimliche Sehnsucht nach dem längst verflossenen Ex, geliebte Verstorbene lässt man symbolisch weiter an seinem Leben teilhaben, indem man ihr Foto immer bei sich trägt. Und dann ist da noch der Talisman, der den Kreis zum Nützlichen – auch für alle metaphysischen Fälle – wieder schließt.

5. Innovation

Im Paradox von Außen und Innen der Handtasche macht sich vor allem ein praktisches Problem bemerkbar. Einen identischen Lippenstift kauft Frau mitunter für jede ihrer Handtaschen, doch die ständigen Begleiter und Erinnerungsstücke sind einmalig. Sie müssen – mitunter mehrmals täglich – von einer Tasche in die anderen umgeräumt werden. „Die Eintrittskarte? Achje, die hab ich in der anderen Tasche!“.
Hier lässt sich mit Optimierungsideen ansetzen, z.B. einem Inlaybeutel, der sich in verschiedene Handtaschen einpassen lässt als eine konsequente Fortführung der schon existierenden Selbsthilfemaßnahmen: Manche Frauen haben die ständigen Begleiter in einem kleinerem Täschchen, das sich einfacher von Tasche zu Tasche transferieren lässt, als jedes Ding einzeln in den schier unendlichen Tiefen zusammen zu suchen.

Eine ähnliche Optimierung schafft die wechselbare Frontblende.

Auch für Trageformen und Design lassen sich Lücken für Variationen suchen für Frauentypen, die noch nicht repräsentiert werden.

Wer in der Handtasche eine Verfestigung traditioneller Frauenrollen kritisiert, sie aber dennoch aus praktischen Gründen nicht missen möchte, schmückt sich vielleicht gerne mit einem Ausdruck des Widerstands, indem man eine durchsichtige Handtasche oder gar Plastiktüte trägt, oder sich die Utensilien direkt wie Orden an die Brust heftet.

In – vielleicht nicht allzu ferner – Zukunft lässt sich die Lösung des Problems: möglichst kleines Smartphone, aber dennoch möglichst großer Bildschirm mit dem Handtaschenproblem verknüpfen. Biegsame Bildschirme sind schon in Entwicklung. Die gesamte Außenfläche der Handtasche fungiert als Bildschirm, an den man das kleine Smartphone anschließen kann, und das Handtaschendesign lässt sich per Klick umgestalten, immer passend zur Gadrobe oder zum Anlass. Fehlt nur noch die Möglichkeit, die Tasche selber in ihrer Form und Größe verformen zu können.

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