Was heisst eigentlich TIEFEN-Psychologie?

Wenn man sagt, man sei Tiefenpsychologe, wird man erstaunlich selten gefragt, was denn das eigentlich sei. Irgendwie hat jeder sofort ein Bild. Da geht es um das ‚Unterbewusstsein‘, um irgendwelche dunklen und verborgenen Regionen ‚unterhalb‘ des vernünftigen Denkens, die man deutenderweise ans Tageslicht befördert. Es kommen einem Bilder von Keller, Tiefsee oder Eisbergen, bei denen der größte Teil unter dem Meeresspiegel liegt. Manchmal wird Tiefenpsychologie auch in die Ecke von Esoterik oder Magie gestellt. Ach ja, und Therapie, Psychoanalyse und die unvermeidbare Couch dürfen bei den Klischees nicht fehlen.

Es ließe sich sicher viel darüber schreiben, was Tiefenpsychologie wirklich ist, und es gibt auch unzählige verschiedene Schulen und Meinungen. Aber um mit den Klischees einmal aufzuräumen, reicht es, sich die zentrale Grundannahme der Tiefenpsychologie klar zu machen.

Vorab zunächst einmal: Tiefenpsychologie hat nicht zwangsläufig etwas mit Psychotherapie zu tun. Das ist eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten, und die finden auch nicht alle auf der Couch statt. Wir betreiben z.B. tiefenpsychologische Kultur- und Marktforschung. Unsere Studien und Beobachtungen sind auch oft Grundlage der Themen, über die wir hier im ‚Kultur- und Psychologie-Blog‘ schreiben. Tiefenpsychologie ist erst einmal eine bestimmte forschende Haltung. Dabei ist das Wort ‚Tiefe‘ sehr unglücklich und irreführend, denn Tiefenpsychologie hat nichts mit Tiefe oder einem verborgenen seelischen Ort zu tun.

 

Eigentlich ist der Tiefenpsychologe ein ziemlich langweiliger und schrecklich ordnungsliebender Typ. Er läuft forschend durch die Welt (also wenn er dafür bezahlt wird) und wittert überall Sinnhaftigkeit, Zweckmäßigkeit, Absichten. Nichts ist für ihn Zufall oder beliebig, alles folgt einer Ordnung und einem sinnvollen Plan.

Blöderweise gibt es auf dieser Welt nun aber Vieles, was auf den ersten Blick gar nicht so sinnvoll und zweckgerichtet ist, da verlieben sich Menschen ständig in den ‚Falschen‘, da kann man sich seine plötzliche Sympathie oder Antipathie nicht erklären, wir kaufen mal wieder ein Produkt, dass wir eigentlich gar nicht brauchen. Das stört den Tiefenpsychologen so sehr, dass er ein Konzept einführt, damit alles wieder sinnvoll ist und seine Ordnung hat : Das Unbewusste. Denn er will von seiner Grundannahme nicht ablassen, dass alles im Bereich des Verhaltens und Erlebens Sinn macht, einen Zweck erfüllt, einem absichtsvollen Muster folgt. Nichts ist beliebig oder zufällig.

Das Unbewusste ist damit nichts weiter als der ‚fehlende‘ Sinnzusammenhang. Es ist dieser Zusammenhang, der uns manchmal eben nicht klar, nicht bewusst ist. Es gibt also keine verborgenen Gelüste oder Komplexe, und v.a. sind sie auch nicht irgendwo ‚unten‘. Das Wort ‚Unter-Bewusstsein‘ gibt es in der wissenschaftlichen Psychologie übrigens gar nicht.

Auch wenn wir uns diese Zusammenhänge oft nicht klar machen –  sie sind alles andere als unsichtbar. Im Gegenteil! Sie dringen unserem Verhalten, unseren Äußerungen und Einfällen aus allen Poren. In der Forschung zeigen sie sich in den Inhalten unserer Erzählungen, genauso darin, wie und mit welchen Worten Geschichten erinnert und erzählt werden. Oder in Versprechern, die uns im nächsten Moment peinlich sind. Ein Satz wie „Wenn unser Hund morgen vom Auto überfahren wird, würde ich mir keinen neuen anschaffen“, verrät vielleicht mehr über die eigene Haltung zum Haustier als man sich klar machen möchte.

Sie zeigen sich auch gerne im zwischenmenschlichen Bereich, wenn wir Gefühle auf andere ‚übertragen‘, die eigentlich gar nicht ihnen gelten. Der vermeintlich vorwurfsvolle Blick der fremden Frau vor mir an der Kasse im Supermarkt, wenn ich meinen Einkauf (Chips, Bier und Kippen) auf das Band lege, ist vielleicht nur die ‚Übertragung‘ einer Diskussion, die ich am Tag vorher mit einem nahestehenden Menschen hatte. In dem Moment ist mir das tatsächlich nicht klar. Der Frau vor mir an der Kasse geht das im Wirklichkeit vermutlich garantiert am A*** vorbei, was ich einkaufe.

Unbewusste Sinnzusammenhänge zeigen sich auch in der Atmosphäre oder der Interview- und Gruppendynamik von Gesprächen. Wenn sich in einer Marktforschungsgruppe überzeugte Prepaid-Nutzer weigern, an Marketingkonzepten zu basteln, heisst das nicht, dass die Teilnehmer ‚zufällig‘ alle von der renitenten Sorte sind. Es ‚zeigt‘, dass mit Prepaid eine bestimmte (kritische, ablehnende) Haltung zu unserer Konsum- und Werbewelt verbunden ist. Das ist ihnen nicht unbedingt bewusst, daher sagen alle erst einmal, dass sie Geld sparen wollen. Liegt ja auch näher. Das alleine aber erklärt ihr eigenwilliges Verhalten nicht.

 

Wie kommt man nun am besten ran an das Unbewusste? Indem man sich viel Zeit nimmt, mit den Leuten zu reden und – eben das zeichnet den Tiefenpsychologen aus – an jeder Ecke Absichten und Sinnhaftigkeit wittert. Selbst da, wo die Dinge zunächst sinnlos erscheinen. Noch besser kommt man ran, wenn man Medien einsetzt, mit denen wir nicht so geübt sind, daher arbeiten wir gerne mit Zeichnungen. Im Medium Sprache sind wir alle Weltmeister in der Selbstdarstellung, das haben wir jahrzehntelang eingeübt. Soll man sein Erleben plötzlich in einem Bild ausdrücken, sind die Leute unbeholfener und die Darstellungen viel unverblümter. Da zeigen Bilder z.B. idyllische Nester und Höhlen, wo man im Interview doch so sehr betont, dass das Verhältnis des Kunden zu seinem Anbieter ein nur rein wirtschaftliches sei. Auch wird dadurch noch besser nachvollziehbar, wie Erkenntnisse über unbewusste Zusammenhänge im Forschungsprozess zustande kommen. Man ’sieht‘ die Einfälle und Vorstellungen der Menschen und was sich durchzieht.

Ein Konzept wie das Unbewusste ist ein wissenschaftliches Konstrukt, und damit erst einmal eine Annahme des Psychologen. Es muss sich dann immer empirisch, also im konkreten Fall, erweisen. Es muss sich in Beobachtungen und Befragungen nachweisen lassen, und dafür taugen, Dinge zu erklären oder richtige Prognosen zu treffen. Und das Vorgehen – also wie unbewusste Sinnzusammenhänge rekonstruiert werden – muss immer nachvollziehbar und überprüfbar sein, nur dann kann es sich „wissenschaftlich“ nennen. Andere Forscher – sofern sie mit vergleichbaren Methoden arbeiten und von der gleichen Grundannahme (‚Alles macht Sinn‘) ausgehen – müssen zum gleichen Ergebnis kommen. Mit Deutung hat das wenig zu tun.

Ach ja, und es gibt noch so ein Vorurteil, dass einem immer wieder begegnet. „Oh, du bist Psychologe, da muss ich aber aufpassen, was ich sage.“ Das hingegen ist kein Klischee, das stimmt. 😉

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