Der Geistesblitz und wie er in die Welt kam: Episode 2

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – die kreative Haltung

Dieser Beitrag ist der 3. Teil einer Serie zu unserer Studie zum kreativen Denken.
Zum Prolog geht es hier.
Zur Episode 1, „Visual Thinking“: hier.

 „Es ist wie ein Sog, die Begeisterung für das Vorangehen: Da hinten liegt das Ziel, Neugier, Wissen wie das wirklich ist.“
„Der Weg ist das Ziel. Wenn es fertig ist, interessiert es mich nicht mehr.“
„Ich halte fast immer alles für möglich!“
„Ich glaub gar nicht, dass ich mich nicht damit beschäftigen kann. Ich muss mich damit beschäftigen. Es ist ein positiver Stress.“
„Der Kreative muss immer alles hinterfragen, sonst ist ihm langweilig.“
„Wenn es irgendwo etwas zu verbessern gibt, dann zieht einen das magisch an.“

Vielleicht muss man schon so aufgewachsen sein. Kaum hatten wir das alte Klavier in der Wohnung, hatte meine Mutter es auch schon braun übergestrichen. Wenige Wochen später waren die Zierleisten Gold abgesetzt und die Seiten mit DC-Fix-Folie beklebt (das Gott sei Dank inzwischen nicht mehr in Mode ist, denn – gefühlt – war bei uns alles irgendwann mit DC-Fix beklebt). Den gesamten Hausflur verzierte sie mit einer geblümten selbstklebenden Borde. Auch Schränke und Uhren bekamen Goldkanten oder auch mal weiße.

Von diversen Möbelumstellungen und dem Vertauschen gesamter Zimmer möchte ich gar nicht erst reden (jede längere Abwesenheit barg die Gefahr, dass man beim Zurückkehren erst einmal sein Zimmer suchen muste) . Dass sie ihre eigenen Schuhe mit Nagellack verzierte, war ja ihre Sache. Aber als ich mal zu lange meine selbst modellierten Keramik-Figuren im Wohnzimmer stehen ließ und sie mit Glanzlack überstrichen wiederfand, war ich schon ein wenig sauer. Damit hätte ich natürlich rechnen müssen („Ja, wenn du das da stehen lässt“ sagte sie zu ihrer Verteidigung) und ich konnte noch froh sein, dass sie gerade keine Goldfarbe im Haus hatte.

ideenpark_klDer Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm. Meine Barbiepuppe ereilte ein ähnliches Schicksal wie dem Klavier. Kaum in meinem Besitz, hatte ich ihr schon eine neue Frisur verschnitten (ja, schön war´s nicht!) und sie mit Filzstiften geschminkt, die man natürlich nicht mehr abwischen konnte (Kreativität hinterlässt eben Spuren!). Fertige Spielsachen haben mich nie lange begeistert. Streichhölzer, Steine, Pappkartons, Wäscheklammern, Knöpfe, Pfeifenputzer, Stöcke und andere noch wenig definierte Utensilien waren viel spannender. Übrigens hatte ich meine Familie gut im Griff. Wehe irgendjemand verrückte beim Balancieren durch die Zimmer auch nur einen Streichholz meiner Miniaturstadt, die ich in der gesamten Wohnung aufgebaut hatte. Wie ich mal auf die dumme Idee kam, ein ähnliches Bauwerk ausgerechnet im Torraum eines – noch benutzten! – Bolzplatzes zu errichten, ist mir jedoch ein Rätsel. Ich hab dann alles in eine Tüte gepackt, um es im Garten nochmal aufzubauen (aber nie gemacht) und weiß noch, wie meine Mutter sich Wochen später über den Inhalt – ein getrocknet verklumpter Matsch aus Erde, Steinen und Stöcken – gewundert hat.

Dieser ständige Drang zur Veränderung (ob es sich immer auch um eine Verbesserung handelt, kann man von Fall zu Fall diskutieren) ist eine typische Eigenart von Kreativen. Das zeigen auch die empirischen Ergebnisse unserer Studie sehr deutlich. Die befragten professionell arbeitenden Kreativen schilderten, dass sie nervös werden, wenn sie nicht an einer kreativen Aufgabe arbeiten, nicht einschlafen können, bevor sie noch keine Lösung gefunden haben. Bemerkenswert ist die häufig anzutreffende große Zuversicht, das Ziel auch zu erreichen. Hier spielt wieder das Vorstellungsvermögen eine wichtige Rolle. Wenn man in seiner Vorstellung bereits ein diffuses Bild von der veränderten Zukunft hat, scheint der Weg dahin auch möglich: „Ich habe es schon vorher genau vor Augen. Es existiert dann in der Welt schon.“ Auch wenn man genau weiß, dass man nichts Weltbewegendes bewirkt, hat man dennoch das gute Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.nichstschlafen_kl

Der Veränderungsdrang beschränkt sich meistens auf die jeweiligen Interessensgebiete der Kreativen. Beim Aufstehen schon darüber nachdenken, wie man einen Wecker verbessern könnte, eine Zahnbürste, das Duschen, das Frühstücksbrot, die Kaffemaschine, etc. und den ganzen Tag so weiter, wäre vermutlich nicht auszuhalten. Es muss ein Interesse am Thema vorliegen oder geweckt werden oder eine besondere Herausforderung den Kreativen neugierig machen.

Jeder Mensch gerät vermutlich jeden Tag in Situationen, in denen seine erlernten Denk- und Handlungsmuster und Lösungsstrategien nicht greifen. Nehmen wir das Beispiel aus Episode 1: Man muss dringend einen Nagel in die Wand schlagen, hat aber keinen Hammer. Derart gezwungen, kreativ nach einer alternativen Lösung zu suchen, blühen bei jedem Menschen kreative Denkpotenziale auf. Not macht tatsächlich erfinderisch. Im Unterschied zu Kreativen bedeutet eine solche Situation für die meisten Menschen jedoch oft Stress. Aus der Bahn bekannter Strategien geworfen zu werden, irritiert und  bewirkt ein Gefühl von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Man hat auch zunächst keine Vorstellung vom veränderten Ergebnis. Es tut sich Leere auf, die man schnell füllen muss. In der Regel ist man dann froh, wenn man aus dieser unangenehmen Lage befreit wird, sodass die erstbeste Idee, die hilft, meist ausreicht. Man hat nicht das leidenschaftliche Bedürfnis etwas neu zu gestalten oder zu verbessern, nur den gewohnten sicheren Normalzustand wieder herzustellen.

In spielerischen Situation, z.B. Kreativworkshops, entwickeln auch Menschen, die keine ausgeprägte kreative Haltung haben, mitunter Spaß am kreativen Entwickeln. Auch kreative Hobbies sind beliebt. Das Bedürfnis und der Spaß an Veränderung mag in Wahrheit nur ein gradueller Unterschied sein. Kreative zeichnet aus, dass sie einen ganz besonders großen Drang nach Veränderung besitzen, sie ein ausgeprägtes, lustvolles Drängen des Anders-Möglichen antreibt.

Die kreative Haltung im Überblick:

  • Kreative stellen das Bestehende ständig infrage und haben einen lustvollen Drang nach Veränderung.
  • Ihre Wahrnehmung ist auf die Möglichkeiten, nicht auf den Status Quo, gerichtet.
  • Sie sind geprägt von einer großen Lust am Umgestalten / Verändern / Neuschöpfen.
  • Sie denken visionär und haben ein gutes Vorstellungsvermögen.
  • Die Lust am Umgestalten bezieht sich in der Regel auf ein bestimmtes Interessensgebiet oder eine besondere Herausforderung, die den Kreativen reizt.
  • Unschärfen und Widersprüche können sie nicht nur gut aushalten, sondern sie haben eine besondere Vorliebe für Unfertiges, das dazu anregt, es erst zu etwas zu gestalten.
  • Sie können nur schwer etwas fertig sein lassen und müssen gebremst werden, um mit dem Verändern aufzuhören.
  • Weil sie sich selbst genügen, benötigen sie keine Hilfsmittel oder Aufforderung von außen, um sich kreativ zu beschäftigen.
  • Sie haben eine hohe Bereitschaft und Spaß daran, bestehende Schemen aufzulösen, auch wenn es nicht unbedingt erforderlich ist.
  • Eine hohe Zuversicht, das Ziel auch zu erreichen, motiviert sie zum Dranbleiben und dazu, nicht aufzugeben. Mitunter arbeiten sie geradezu obsessiv an der kreativen Aufgabe.
  • Das kreative Arbeiten gibt ihnen ein befriedigendes Gefühl, in jedem Fall etwas Sinnvolles / Bedeutungsvolles zu tun.

gesamt_klOb man mit einer kreativen Haltung geboren sein muss, sie als Kind erlernt oder auch – umgekehrt – abtrainiert bekommt, oder man sich diese Haltung auch noch im Erwachsenen-Alter aneignen kann,  muss hier offen bleiben. Es würde Langzeitstudien benötigen, um eine Antwort zu finden. Ob das Drängen des Anders-Möglichen die Ursache dafür ist, ein gutes Vorstellungsvermögen zu entwickeln, oder umgekehrt das gute Vorstellungsvermögen eine Grundbedingung dafür, dass man das Gefühl der Unsicherheit, das jeder Veränderungsprozess auslöst, aushebelt, lässt sich auch nicht mit Sicherheit entscheiden. Sollte letzteres der Fall sein, kann man sein kreatives Denken dadurch steigern, dass man sein Vorstellungsvermögen trainiert.

Zur Art des Denkens – sinnlich-gestalthaft – und der kreativen Haltung, gesellt sich als dritte Grundqualität eine besondere Verfassung oder Stimmung, die situativ für kreatives Arbeiten grundlegend ist, nachzulesen in Episode 3

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