In Geschichten verstrickt

Der Mensch ist seine Geschichte, sagt der Autor Schapp.

Das Buch ist zwar nicht mehr das Aktuellste, die Denkweise darüber, was uns als Menschen, also unsere sog. Identität ausmacht, ist aber m.E. ungewöhnlich und somit sehr interessant.
Das Sein des Menschen besteht, laut des Phänomenologen und Schülers von Simmel, Dilthey und Husserl, lediglich aus den Geschichten, in die ein Mensch verstrickt ist. Es gibt keine irgendwie geartete Substanz, sondern jeder Mensch ist eine Erzählung, die sich mit anderen Erzählungen durchkreuzt.

„Die Geschichte steht für den Mann [Mensch]. Sie verlängert oder vertieft sich gleichsam ohne unser Zutun ja nach dem Gewicht, welches ihr innewohnt, in den Mann [Mensch] hinein. Wir wissen auch, dass der Zugang zu dem Mann, zu den Menschen, nur über Geschichten, nur über seine Geschichten erfolgt und dass auch das leibliche Auftauchen des Menschen nur ein Auftauchen seiner Geschichte ist, dass etwa sein Anlitz, sein Gesicht, auch auf eigene Art Geschichten erzählt und dass der Leib nur für uns insofern Leib ist, als er Geschichten erzählt oder, was dasselbe wäre, Geschichten verdeckt oder zu verdecken versucht.“

Die geschaffenen Dinge des Menschen, die uns umgeben, nennt Schapp „Wozudinge“. Das Wozuding kann mit keiner Kraftanstrengung wieder zu einem natürlichem Ding zurückgedrängt werden.
Gewöhnungsbedürftig wie interessant ist diese radikale Sichtweise, die Menschen aus ihrer Lebensgeschichte definiert, sie erst durch diese Geschichte überhaupt entstehen und werden lässt. Das Buch wird heute gerne in Zusammenhang mit dem modernen „storytelling“ gebracht, auch wenn es mit dieser Mode nicht sehr viel zutun hat.

Mein Urteil: Ich fand diese narrative Sichtweise der Existenz spannend und sie war für mich in dieser Form neu, also eines der Bücher, die mir neue Erkenntnisse beschert haben. Auch wenn die Sprache ein wenig altbacken wirkt und somit etwas mühsam zu lesen, lohnt es sich auf jeden Fall!

Ein Link zur  Wilhelm Schapp Forschung

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