Sic mundus creatus est

Die deutsche Mystery-Serie „Dark“ ist eine der erfolgreichsten aktuellen Netflix-Produktionen. Aber was macht ihre Faszination aus, obwohl sie keiner versteht? Was hat sie mit dem Zeitgeist zu tun? Wobei die richtige Fage eigentlich nicht „was“ ist, sondern „wann“, oder – nach der dritten Staffel – in welcher Welt?

Lesezeit: 5 Minuten

Spoiler-Alarm-Faktor: Gering (ohne Garantie)

Gerade haben Monika und ich die dritte Staffel Dark hinter uns. Wir haben sie genossen, einfach war es allerdings nicht. Schaurig, schön, bewegend, anstrengend. Eine außergewöhnliche Serie. Viele haben sie gesehen, kaum einer hat sie verstanden oder konnte der Handlung richtig folgen.

Ich auch nicht, und das, obwohl ich ausgesprochener Fan von Zeitreisegeschichten bin. Monika ist da weitergekommen als ich, aber sie ist ja auch krimierfahrener: „Das ist doch ganz einfach, das sind ja nur vier Familien“. Ja schon, aber vier Familien, in denen die Tante die Tochter der Mutter ist und gleichzeitig der Sohn der verschwundenen Schwester des Urenkels, der gleichzeitig der Vater der Tochter ist, die eigentlich ihre eigene Mutter ist, das aber in einer anderen Zeit, oder war es jetzt eine andere Welt?

Interessant ist, dass wir – als die zweite Staffel rauskam – die erste Staffel vorher noch einmal geguckt haben. Jetzt, als die dritte Staffel anstand, haben wir uns die erste und die zweite noch einmal angesehen, und damit die erste Staffel gleich dreimal. Alles wiederholt sich. Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang. Schön, wie sich das selbst beim eigenen Verhalten re-inszeniert.

Worum geht es: Darum, dass alles mit allem zusammenhängt, das aber total verworren, verwoben und vielschichtig, und immer noch mehr Schichten und Dimensionen hat als man kognitiv und emotional verarbeiten kann. In dem Örtchen Winden, wo sich alles um sich selbst windet und kreuz- und quer-verwunden ist (bei Winden musste ich komischerweise auch an Wesseling denken, das Kaff, in dem ich aufgewachsen bin, dort gab es zwar kein Atomkraftwerk, aber jede Menge chemische Industrie – wie hieß das: „Ich wünsche mir eine Welt ohne Winden“).

Dabei ist alles unterlegt mit der Aura des ganz Großen, bedeutungsschwanger und biblisch, alleine die Namen, Jonas, Noah, Adam, Eva, oder Sätze wie „Wenn du willst, dass deine Martha lebt, dann musst du dich für die Seite des Lichts entscheiden“. Nur, dass man als Zuschauer keinen blassen Schimmer hat, wo die Seite des Lichts ist, denn in Winden ist nichts eindeutig und gut und böse schon mal gar nicht auseinanderzuhalten. Noch mehr uralte und bedeutungsträchtig erscheinende Symbole wie Höhle, Notizbuch, Uhrmacher und Dachboden werden „weird“ verwoben mit banal-alltäglichen wie Raider und Twix, gelben Regenjacken, Bushaltestellen, Pfennigen und… Nena. 

Unterstrichen wird das Ganze noch durch die unheilvolle Atmosphäre, die im wiederkehrenden Motiv im Soundtrack zum hörbaren Symbol wird: Ein langer Streicher-Ton, der dann einen Tonschritt nach unten macht. 

Warum, in aller Welt, tut man sich das an? Und hat noch Spaß dabei? Hier hilft ein Blick in die aktuelle Kultur, in den Zeitgeist. Simple oder zu durchschaubare Serienmuster sind schon länger out. Soaps wie GZSZ werden allenfalls noch aus Gewohnheit geguckt.  

Heute guckt man anders: Komplex und herausfordernd muss es sein, möglichst auch mysteriös und übernatürlich. Als Zuschauer will ich was zu tun haben, Geheimnisse aufdecken, Fälle auflösen, Sinn entwickeln, Zusammenhänge verstehen, bis ich am Schluss alles durchschaut und verstanden habe, und mit dem guten Gefühl entlassen werde, mit der Komplexität selbst zurechtgekommen zu sein. Selbstwirksamkeit nennt sich dieses gute Gefühl auf psychologisch. Das passt in den Zeitgeist. Unsere Welt ist schon länger Winden. Komplex, undurchschaubar, verwirrend und teils auch bedrohlich. Sic mundus creatus est. Muss ich alles gar nicht aufzählen, von Trump über Digitalisierung bis Corona. Nicht nur das, irgendwie dreht sich auch alles im Kreis, der Anfang ist das Ende und das Ende… Im Kölner Stadtanzeiger gab es gestern einen Artikel mit dem Titel „Die Stadt muss raus aus der Zeitscheife“. Es ging um die ewig ungelösten Probleme der Stadt Winden, ähm, Köln.

Dark treibt dieses Prinzip auf die Spitze. Daher steigen viele auch (zu früh) aus, weil sie das alles nicht entwirrt kriegen. Dass die Serie trotzdem fasziniert, hängt vielleicht mit einem zweiten Komplex zusammen, bei dem es gar nicht darum geht, das alles zu entwirren und zu verstehen. Im Gegenteil.

Adam, Jonas, Martha, Eva, Noah, sie alle suchen oder versprechen anderen das „Paradies“. Was das Paradies sein soll, darüber erfährt man nicht viel. Nur, dass es raus aus Winden führt, raus aus dem „Knoten“, in dem sich alles hoffnungslos ineinander verstrickt hat und nichts mehr verstehbar ist. Vielleicht will auch der Zuschauer nicht mehr nur stellvertretend das Gefühl haben, mit der komplexen Welt zurande zu kommen. Vielleicht will er inzwischen ganz und komplett da raus. Die Apokalypse (um die es in der Serie die ganze Zeit geht) als neue große Sehnsucht, die totale Vernichtung der alten Welt und das Kommen des Reich Gottes? Weg mit dieser Schweißwelt… dann wäre die Serie kulturpsychologisch wirklich revolutionär.

Aber wohin? Hier hätte uns die Serie gut im Unklaren lassen können. Ins Nichts (eine Welt ohne Winden), in die Auflösung, die Vernichtung? Irgendwie erscheint das den Zuschauenden auch keine Lösung. So wie der Tod ja auch keine Lösung für die Wirren oder Wind(ung)en des Lebens ist. Oder doch? Wenn sonst nichts mehr hilft? 

Eine Alternative (wobei es für die anderen Welten eigentlich das „Nichts“ ist) wird uns in der letzten Folge ganz am Schluss präsentiert. Raus aus dem Knoten bedeutet, dass die Welt einfach wieder „normal“ ist. Aber sowas von normal! Da sitzen die langweiligsten Charaktere der Serie wie eine amerikanische Spießerfamilie zu Thanksgiving zusammen. Nix mehr mit Zeitreisen, Knoten und Mystery, keine Helden mehr, keine Zerstörer, keine Erlöser. Beruhigend ist das ja, wie ein Aufwachen aus einem Alptraum, dafür aber stinklangweilig und enttäuschend. Aber hey, sic mundus creatus est, so ist das wohl eben im Leben.

… oder ist Dark am Ende doch eine Liebeserklärung an die wirre Komplexität unserer Welt?

Anhang: Wer die Zusammenhänge in Dark endlich mal verstehen möchte. In diesem Video (klicke dort auf „Dark: Das Ende erklärt“) wird alles ganz einfach (selbst Monika hat hier noch etwas Neues gelernt).

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