Das Gute, das Böse und das Dampfen

 

Heute will ich auf ein Kultur-Phänomen eingehen, dass vielleicht mehr Sprengkraft für die Kultur hat, als man glaubt: Die sogenannte E-Zigarette.
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Warum ist es für die Kultur ein Problem, wenn die Hölle – das Synonym für das Böse – nicht mehr brennt und raucht, sondern nur noch harmlose Dampfwölkchen produziert?

Aber der Reihe nach. Erst einmal, was sind eigentlich E-Zigaretten? Viele haben schon einmal davon gehört, wissen aber nicht viel darüber. Es sind Akku-betriebene elektronische Inhalations-Geräte, die mit Zigaretten eigentlich nichts zu tun haben, da weder Tabak drin ist noch etwas verbrannt wird. Es wird eine aromatisierte Flüssigkeit verdampft, wahlweise mit oder ohne Nikotin. Da keine Verbrennung stattfindet, produziert dies keinen Rauch, sondern Dampf, in etwa wie beim Kochen oder in Nebelmaschinen. Konsumenten der E-Zigarette nennen sich daher auch “Dampfer” und richtigerweise “Nicht-Raucher”.  Der Vorteil liegt auf der Hand: Die vielen hundert krebserregenden Stoffe, die bei der Tabakverbrennung entstehen, fallen weg. Es stinkt nicht, und riecht allenfalls nach den Aromen im sog. Liquid (Apfel, Kirsche, Vanille etc.). Viele Ex-Raucher, die nicht ‚einfach so‘ aufhören konnten, sind damit dauerhaft vom Rauchen weggekommen, und – das ist das Entscheidende! – ohne auf ihre Genuss-Rituale verzichten zu müssen, oder – wenn sie wollen – auch ohne sich vom Nikotin entwöhnen zu müssen.

Update 2018: Die E-Zigarette gilt inzwischen zwar nicht als völlig bedenkenlos, wird aber als um ein Vielfaches weniger schädlich im Vergleich zum Einatmen der Verbrennungsprodukte von Tabak eingestuft (die Mehrzahl der Wissenschaftler haben sich auf die Formel “95% weniger schädlich als Zigaretten” geeinigt und berufen sich dabei auf zahlreiche Studien – auch eine erste Langzeitstudie gab Entwarnung). In diesem Artikel soll es aber nicht darum gehen, ob und wie schädlich das Dampfen ist, dazu gibt es genug Veröffentlichungen. Gegenstand des Beitrags ist das Dampfen aus kulturpsychologischer Sicht. 

Flodder

Kulturelle Schemata von gut und böse geraten durcheinander

Denn aus psychologischer Perspektive passiert etwas Ungeheuerliches: Wie jede Einheit oder jedes System hat unsere Kultur eine Vorstellung davon, was gut und was böse ist, was rein gehört in die Gesellschaft, und was draußen bleiben soll. Das gibt Orientierung, Burger King ist böse, Vegan ist gut. Beim Rauchen (das Böse) wird dies sogar sichtbar, wenn man abends an Kneipen vorbeigeht. Das Rauchen und die Raucher dürfen nicht rein (in die Gesellschaft, in die Kneipe). Das war einmal ganz anders (dazu muss man sich nur mal alte Filme aus den 70ern oder früher angucken). Tatsächlich hat unsere Kultur jahrzehntelang hart daran gearbeitet, dieses Schema von gut und böse zu etablieren.

Und was passiert jetzt? Auf einmal soll ein Genießen und selbst die Befriedigung seiner Sucht möglich sein, ohne sich und andere zu schaden oder zu belästigen? Was böse aussieht (da “raucht” was) ist gar nicht böse (das “dampft” nur)? Was nach jahrzehntelanger Kultur-Arbeit endlich verpönt und gebannt wurde, soll wieder gesellschaftsfähig werden? Das geht doch nicht!

Da gerät etwas mächtig durcheinander, was uns jahrelang Halt und Orientierung gegeben hat. Die Kultur ist als System zwar plastisch, da sie sich permanent verändert und verändern muss. Dies steht aber immer in einem Spannungsverhältnis zu einem Trägheitsprinzip, das dagegen wirkt: Die ‘Wirkungs-Einheit’ Kultur wehrt sich, sie hält fest, am alten System, an vertrauten Aufteilungen in gut und böse.

Die E-Zigarette als Kultur-Revolution

Da wundert es nicht, wenn ‘auf Teufel komm raus’ (das kann man jetzt wörtlich nehmen!) behauptet wird, dass das Dampfen böse ist wie das Rauchen. Kultur in Not. Sie braucht jetzt Argumente und Beweise, dass alte Schemata noch gelten. Wenn die Argumente gegen das Dampfen dann bei näherem Hinsehen nicht standhalten, wird flux ein Lungenarzt interviewt, der mit gewichtiger Miene im Fernsehen Dinge sagt wie „Dampfen kann Atemwegsreizungen hervorrufen“. Oder vielleicht gibt es irgendwo noch eine Geschichte, wo einem so eine E-Zigarette um die Ohren geflogen ist? Her damit und mit großer Schlagzeile in die BILD-Zeitung. Wenn alles nichts hilft, dann behauptet man, Kinder werden damit verführt (das zieht immer), ganz am Schluss bleibt noch der Hinweis, das Phänomen sei halt noch jung, daher gebe es noch keine Langzeitstudien. Was nicht sein darf, das kann einfach nicht sein (Update 2018: Das mit der Verführung der Kinder, der sog. Gateway Effekt, konnte in diversen Studien bisher nicht nachgewiesen werden – mehr als 99% der Dampfer sind Ex-Raucher – und eine erste Langzeitstudie liegt inzwischen auch vor).

Wenn die E-Zigarette sich immer weiter verbreitet, und dies möglicherweise dazu führt, dass das Rauchen endlich komplett verschwindet, dann wäre das nicht weniger als eine Kultur-Revolution. Und weil dies so revolutionär ist, wirken die bewahrenden Gegenkräfte mindestens genauso stark dagegen. Das hat nichts mit Vernunft oder Unvernunft zu tun, das ist reine Psycho-Logik.

Gesundheit gilt noch immer als das Gegenteil von Genuss

Die Situation um das Phänomen E-Zigarette zeigt aber auch noch etwas Anderes, Wesentlicheres. Es entlarvt ein Bild von ‚Gesundheit‘ und ‚gesundem Leben‘, das sich mehr und mehr von den Menschen und ihren Bedürfnissen entfernt hat. ‚Gesund‘ steht vielfach immer noch ‚Genuss‘ oder ‚Spaß‘ gegenüber. Gesundheit hat etwas mit Abstinenz, Leiden und Genussfeindlichkeit zu tun. Auch die WHO hat das langfristige Ziel, die Gesellschaft von allen Suchtmitteln weitestgehend zu befreien. 5 Portionen Obst und Gemüse täglich und viel Sport statt Alkohol, Fett, Zucker, rotes Fleisch, Fast Food. Genuss oder Sucht ohne Reue und ohne Schaden (oder nur wenig Schaden) ist daher in unserer heutigen Kultur unerwünscht und beinahe ketzerisch. Die Menschen ticken aber anders als es dieses Gesundheits-Ideal vorgibt. Gesundheit aus Sicht der Menschen hat etwas mit Genuss und Sinnlichkeit zu tun (wie auch eine von uns in 2011/2012 durchgeführte Studie zum Gesundheitstourismus gezeigt hat). Auch Süchte gehören im übrigen zum ganz normalen Menschsein dazu (es gibt auch keine Kultur komplett ohne Süchte: aus psychologischer Sicht sind sie alles andere als “nutzlos”).

Kräftespiel mit ungewissem Ausgang

Offenbar wird hier auch ein Kräftespiel im komplexen System Kultur. Die Bösen in der Gleichung (die Tabakindustrie) springen auf den Zug auf und wollen nun auch E-Zigaretten auf den Markt bringen. Aber damit kommen sie wahrscheinlich zu spät, weil es sind die kleinen Hersteller, die die Innovation auf den Markt gebracht haben. Und die Entscheidung zu dampfen, ist für viele auch eine explizite Abkehr vom Rauchen, und damit auch von den Zigaretten-Herstellern. Die Zigaretten-Industrie hat also auch ein lebhaftes Interesse daran, dass sich nichts ändert – obwohl sie auf der Seite des Bösen stehen (sich dort aber teuflisch gut eingerichtet haben). Update 2018: Nicht nur die Tabakindustrie hat (oder hatte) eine Interesse daran (inzwischen beginnen sie jedoch, Unternehmen aus dem E-Zigaretten-Markt aufzukaufen), v.a. auch die Pharma-Industrie sieht ihr milliardenschweres Geschäft mit Nikotinersatzprodukten in Gefahr.

Die revolutionären und abwehrenden Kräfte im Spannungsfeld verteilen sich auf verschiedene Personen- und Lobbygruppen, auf Befürworter und Gegner. Betrachtet man Kultur aber wie ein Lebewesen mit einem inneren Konflikt (was eine systemische Kulturpsychologie darf;-) ist die spannende Frage, welche Seele in der Kultur-Brust sich am Ende durchsetzen wird, und welche Drehungen, Wendungen, Beweisführungen, Verdrängungen oder Kompromisse noch zu erwarten sind.

Aus meiner Sicht müssten wir jetzt alle eigentlich ein Interesse an groß angelegten Werbekampagnen für die E-Zigarette haben. Endlich gibt es eine reale Chance, dass sich das Zivilisations-Problem Nummer eins, das Rauchen, womöglich einmal in Dampf auflösen wird. Wären wir wirklich revolutionär. Sind wir aber nicht. Daher werden ‚wir‘ als Kultur wohl erst mal alles versuchen, die Revolution nochmals abzuwenden. Wie lange das dann gut geht? Vielleicht noch so lange, bis sich das offizielle Bild von ‘Gesundheit’ einmal gewandelt haben wird, und Lebensfreude, Genuss, Sinnlichkeit und Zufriedenheit ganz oben auf der Liste für ein gesundes Leben stehen, und nicht Abstinenz, Disziplin und völlige Suchtfreiheit. Das kann dauern, fürchte ich…

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