Du sollst kreativ sein

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„Heutzutage will und soll jeder kreativ sein.“ sagt Soziologe Andreas Reckwitz in einem Interview mit dem Goethe Institut zu seinem Buch: „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (Link) . Alle Mitarbeiter sollen kreativ sein, Lehrer und Erzieher sollen Kreativität unterrichten etc. Man wird nicht mit Gewalt gezwungen, kreativ zu sein, sondern es geht eher um ein „Sollen-Wollen“: scheinbar freiwillig, aber ein wenig moralischer Zeitgeist-Druck muss schon sein.

Als sei dieses Buch von Reckwitz nicht schon 2012 geschrieben worden, fordern Bernd Heusinger und Marcel Loko in ihrem Ende 2018 erschienenem Buch „Kreativiert euch“ die Einrichtung eines Kreativitätsministeriums. Ist das Satire, um auf die Kritik zum Kreativitätszwang, der Tyrannei der Kreativität noch eins drauf zu setzen? Nein, mit weiteren Praxistipps zur Verbesserung der eigenen Kreativität (die von den Lesern, die eine Amazon Rezension geschrieben haben, auch gelobt werden), legen sie eher noch einen Zahn zu in Richtung der vielen anderen Kreativ-Ratgeber-Bücher oder Texte, in denen es z.B. heißt:

  • Wie man die eigene Kreativität bewusst steigern kann
  • 5 Gründe, warum JEDER kreativ sein kann
  • Angstfrei arbeiten macht kreativ
  • Was Kreative sich antrainieren sollten
  • Kreative Entfaltung ist ein Grundbedürfnis
  • Dein Recht auf Kreativität

Dann musst du es lernen!

Beim Ruf nach einem Recht auf Kreativität fragt man sich (oder ich mich zumindest): Wer verweigert einem denn dieses Recht? Braucht man Hilfe bei der Umsetzung einer Idee, kann es natürlich sein, dass diese verweigert wird. Für das Ideenentwickeln selbst braucht man jedoch keine Erlaubnis, denn es kann einem niemand verbieten, sich etwas auszudenken, solange es noch keine Gedankenkontrolle gibt. Hat man diese Leidenschaft zum kreativen Denken, wird man das auch einfach tun. Dazu braucht es nichts, außer ein klein wenig Zeit (z.B. eine Netflix-Serie weniger gucken oder auf 10 WhatsApps verzichten), Papier und Stift sind schon Luxus.

Was ist aber mit denen, die keine Lust dazu haben, denen die Leidenschaft fehlt – und das gilt auch schon für Kinder, die einfach keine Lust zum selbst basteln, selbst malen, selbst Geschichten schreiben haben? Dann sollen Ratgeber, Seminare oder demnächst vielleicht das Kreativitätsministerium dafür sorgen, dass jeder die Leidenschaft erlernt. „Du wirst ihn schon lieben lernen!“ sagte die Mutter zur Prinzessin, die aus strategischen Gründen ihren Cousin heiraten sollte. Vokabeln lernen kann man zur Not ohne Leidenschaft, auch wenn das den Lernerfolg mindert, aber es geht. Vielleicht geht auch Kreativität ohne Leidenschaft? Vielleicht kann man ja sogar die Leidenschaft erwecken, schließlich ist es auch nicht völlig ausgeschlossen, dass Prinzessin und Cousin sich doch noch lieben lernen.

Leidenschaft als Lernprogramm

Ob Kreativität ohne Leidenschaft Sinn macht, oder man vielleicht Leidenschaft erwecken kann, sei zunächst dahin gestellt. Aber wie sehen die Lernprogramme aus und wie werden die Kreativitätsübungen, Prozessgestaltungsempfehlungen oder Regeln bzw. Do’s und Dont’s des Lernens von kreativem Denken begründet? 

Verkenntnisse aus der Wissenschaft

Studien haben gezeigt, dass man an Stehtischen kreativer ist, oder im Dunkeln. Ravi Mehta, Juliet Zhu und Amar Cheema fanden in einer Studie heraus, dass Musik mit einem moderaten Geräuschpegel die Kreativität fördert. Die Farbe Blau macht erfinderisch, Alkohol auch (aber dieser Tipp kommt auf den Index). Zu Lebensmitteln, die kreativer machen, konnte ich leider nichts finden, aber das ist sicher nur eine Frage der Zeit. Lebt Kreativität nicht von ihrer Eigenwilligkeit, mit der sie ja auch Eigenwilliges hervorbringen möchte und wie kann man ein kreativer Mensch sein, wenn man sich vorschreiben lassen muss, welche Musik man hört? Ratgeber – und in der Folge auch Innovationsmanager – nehmen diese Ratschläge jedoch begierig auf. Es muss ja stimmen, weil es aus der Wissenschaft kommt, oder zumindest wissenschaftlich daher kommt.

Blöd ist, dass es überhaupt keine valide Methode gibt, Kreativität zu messen – angefangen mit Joy Guilford haben sich schon viele die Zähne daran ausgebissen. Wenn es keine Methode gibt, um festzustellen wie kreativ jemand ist, wie kann man dann feststellen, dass man im blauen Dunkel, betrunken an Stehtischen und mit leiser Musik beschallt noch kreativer ist? Es gibt zwar Tests, z.B. den „torrance creativity test“, solange aber nicht eindeutig definiert ist, was Kreativität überhaupt ist, kann man auch nicht wissen, was man messen soll. (Kreativität ist nicht messbar https://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-kreativitaet-ist-harte-arbeit-1.492003-2)  Seriöse Kreativitätsforscher schreiben daher auch nicht „XY macht kreativer“, sondern „mit XY schnitten die Teilnehmer bei Kreativitätstests besser ab“, Puhh, sauber wissenschaftlich rausgeredet!

Von Profis lernen?

In vielen Kreativitätstechniken findet man tatsächlich Denkstrategien, die man aus der eigenen kreativen Denkarbeit kennt: einfach mal zwei Dinge miteinander kombinieren, die eigentlich nicht zusammen gehören, etwas auf den Kopf stellen, nach Ähnlichkeiten in anderen Bereichen Ausschau halten etc. Grundsätzlich sind diese Techniken also nicht verkehrt. Es ist nur die Frage, ob man mit diesen Techniken kreatives Denken erlernen kann, sie sich also nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Lernmethode eignen. „All diese Methoden, nämlich standardisierte Trainingsprogramme und andere Kreativitätstechniken, haben nicht den durchschlagenden Erfolg gebracht“, ernüchtert der Persönlichkeitspsychologe Ernst Hany die Hoffnungen (Link).

Das könnte daran liegen, dass kreative Profis zwar ähnliche Denkprinzipien anwenden, aber dabei nicht nach Gebrauchsanleitungen vorgehen, sondern die Prinzipien intuitiv anwenden, ohne sie je in der Theorie erlernt zu haben. Fußballspielen, singen etc. kann man auch nur aus der konkreten (und dauerhaften!) Praxis heraus lernen. Später kann man dann ein Buch darüber schreiben: „Mit welchen Tricks ich singen gelernt habe“. Ob die Befolgung der theoretischen Ratschläge aber irgendwem beim Singenlernen helfen, ist fraglich, auch weil die Gesangskollegin ein paar Monate später das Buch: „Mit welchen ganz anderen Tricks ich singen gelernt habe“ auf den Markt gebracht hat. Möglicherweise sind viele Tricks auch nicht verallgemeinerbar, oder es wird der im Prinzip gleiche Trick von verschiedenen Sängerinnen je etwas anders ausgeführt.

Lebt Kreativität nicht von ihrer Eigenwilligkeit, mit der sie ja auch Eigenwilliges hervorbringen möchte, und wie kann man ein kreativer Mensch sein, wenn man sich vorschreiben lassen muss, wie man Musik …? (und stand derselbe Satz nicht schon weiter oben im Text, siehe dort?  Ja, Artikel oder Bücher über Kreativität leben vor allem von Wiederholungen). Für bereits eigenwillig Kreative können solche Techniken auch inspirierend sein – sie werden sie aber nicht wie Anleitungen benutzen. Zum Erlernen von kreativem Denken können sie jedoch kontraproduktiv sein, weil sie die Eigenwilligkeit verhindern und das Denken stattdessen in eine „Schritt für Schritt“-Anleitung einengen.

Von Profis lernen, jetzt aber echt!

Viele Do’s und Dont’s zur Verbesserung des kreativen outputs gelten inzwischen schon als so selbstverständlich, dass sie in allen Ratgebern zu finden sind (ja, Artikel oder Bücher über Kreativität leben von Wiederholungen) und selten hinterfragt werden. Als unumstößliche Gewissheiten, an die man sich auf jeden Fall halten kann, lässt sich auch kaum kritisch darüber diskutieren, wenn man nicht als ignorant gelten will. Sie wirken auch plausibel und richten sich ebenfalls an kreativen Vorbildern, also Profi-Kreativen aus. Davon sollen im Folgenden zwei näher beleuchtet werden:

  • Man muss zuerst eine große Menge (Quantität) an Ideen sammeln
  • Keine Kritik

Ideenquantität

Schaut man sich Ideenbücher oder Skizzenbücher von Kreativen an, stellt man fest, dass oft nur ein Bruchteil der dort aufgeführten Ideen verwirklicht werden. Ist es also ein raffinierter Trick von Kreativen, zuerst viele Ideen zu sammeln und später die besten auszuwählen? Könnte sein! Arno Dirlewanger gibt in seinem lesenswerten Buch „Innovation der Innovation: Vom Innovations-Management zum Science und Fiction-Management“ Hinweise, warum das jedoch zu kurz gedacht ist.

Der (vermeintlich) richtige Prozess für kreative Ideenentwicklung entspricht schon nicht der Praxis von Profi-Kreativen. So geht man davon aus, dass z.B. in Ideenworkshops intensiv Ideen generiert und gesammelt werden. Diese wandern dann aus dieser ersten kreativen Entwicklungsstufe in die weiteren Bearbeitungsstufen, die nicht mehr kreativ sind: Sie werden bewertet, die besten ausgewählt und diese dann umgesetzt, fertig! Tatsächlich werden in der ersten Stufe aber oft nur Ansätze für Ideen entwickelt. Wählen dann in der zweiten Stufe Bewerter, die selbst nicht sonderlich kreativ denkend sind, die besten Ideen aus, fallen alle weg, bei denen die Umsetzbarkeit nicht sofort deutlich wird. Das sind aber oft die interessantesten Ideenansätze. Dem wenig kreativen Bewerter fehlt einfach das kreative Vorstellungsvermögen, in einer Idee wie „Wir bauen Häuser ohne Türen und Fenster“ ein interessantes Potenzial zu erkennen (Kleine Kreativübung: Welche genialen Ideen könnten sich aus diesem m.E. inspirierenden Ideenansatz entwickeln lassen?)

Im Gegensatz zu wenig kreativen Bewertern weiß der Kreative, dass Ideen oft erst gut werden, wenn sie weiter entwickelt werden. Bei der Konzeption für die Umsetzung tauchen oft viele neue Probleme auf, für die man wieder kreative Lösungen entwickeln muss, anstatt die Idee als „unrealisierbar“ zu verwerfen. Manchmal – nicht selten – taucht dann im Prozess der Weiterentwicklung auch eine ganz andere neue Idee auf, die viel besser ist als die ursprüngliche und dann stattdessen weiterverfolgt wird. Kreative Entwicklungsprozesse sind naturgemäß „ill-defined“, man kann das Ziel nicht klar definieren, weil das Ziel die Idee ist und diese ja gerade die Unbekannte im Prozess darstellt.

Die Profi-Kreative notiert oder skizziert daher alle Ideen, die vielleicht Potenzial haben könnten, auch wenn sie nur dafür taugen, als Inspiration für ganz andere Ideen zu dienen – und deshalb stehen mehr Ideen in der Liste, als umgesetzt werden. Wenn eine Idee auch nur irgendetwas Interessantes an sich hat – und sei es, weil sie besonders skurril ist: Wer weiß, wofür man sie noch braucht? Also aufschreiben/ zeichnen. In der Praxis von Profi-Kreativen kann es aber auch vorkommen, dass es nur eine Idee gibt, die dann weiter entwickelt wird. Es finden sich in der Geschichte der Erfindungen viele historisch bekannte Erfinder, die nur EINE (in Worten bzw. Kleinbuchstaben: eine) Idee hatten. So hat Alexander Fleming wirklich nur das Penicillin erfunden und dafür den Nobelpreis erhalten, sonst nichts! Ob Einstein erst 100 Ideen gesammelt hat, um dann in der Bewertungsstufe zu entscheiden, dass er die Relativitätstheorie entwickelt? Wohl kaum!

Auf Ideenquantität zu setzen, beruht also eher auf einem Missverständnis des gesamten kreativen Entwicklungsprozesses: Der Glaube, man könne Ideen in festgelegten (und lebt Kreativität nicht von ihrer Eigenwilligkeit …, ach, ich sagte es schon) mit voneinander getrennten Produktionsstufen herstellen: Erst die Kreativen, die Ideen entwickeln, dann die Realisten, die diese bewerten und unrealistische Ideen aussortieren. Die Quantität von Ideen ergibt sich daraus, dass man als Kreativer auch alle Ideenansätze notiert, die vielleicht Schwachsinn sind, aber eventuell wertvolle Ansätze für die Weiterentwicklung oder Inspiration ganz neuer Ideen bieten könnten. Es geht also gar nicht um „Quantität“ an sich (die Menge ist völlig egal), sondern darum, kreative Gedankenstränge, die vielleicht, eventuell, gegebenenfalls wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung liefern könnten, zu erhalten.

Keine Kritik!

„Das hat noch nie funktioniert“ und andere Totschlagargumente von Teilnehmern im Kreativprozess bremsen auch alle anderen Teilnehmer aus. Die beste Lösung: Man lässt solche Miesmacher gar nicht erst an solchen Prozessen teilnehmen. Da es sich dabei aber oft um die Vorgesetzten handelt, kann man sie schlecht ausladen. Also ist es ein guter Trick – auch, um sie nicht zu vergrätzen – einfach zu behaupten, Kritik sei dem kreativen Denken generell abträglich und daher verboten. Der Trick ist als Notlösung gut. Leider hat sich die Behauptung, Kritik sei generell schädlich für Ideenentwicklung, inzwischen als eine solche oben benannte selbstverständliche Wahrheit etabliert, die nicht mehr hinterfragt werden darf.

Ein kleiner Ausflug in die Welt eines Kunststudiums: Es gibt Professoren, die Kunstwerke von Studenten durch das Atelier schleudern und brüllen: „Was ist das denn für ein Sch…“ (selbst erlebt). Ein Lehrgang in gewaltfreier Kommunikation würde hier sicher nicht schaden, aber auch weniger cholerische Lehrbeauftragte sind in ihrer Kritik nicht zimperlich – und das ist gut so. An einer Kunstakademie bekommt man eigentlich überhaupt nichts beigebracht, der Begriff Kreativität ist hier auch nicht der Rede Wert. Man bekommt Raum und Zeit zur Verfügung gestellt, aber niemand sagt einem, was man tun soll (man muss selbst herausfinden, was man will, über Eigenwilligkeit sprach ich ja schon, aber Artikel oder Bücher über Kreativität leben ja vor allem von Wiederholungen). Eines ist jedoch von Anfang an gewiss: Das, was man dann tut, wenn man es herausgefunden hat, sollte etwas Originelles, also Kreatives und am besten noch nie auch nur so ähnlich Dagewesenes sein. Der Innovationsdruck ist hoch. Wenn man weiß, was, bekommt man immerhin für das „Wie“ Hilfestellung in diversen Werkstätten.

Quelle des Lernens ist die Inspiration von anderen Kunstwerken (aber nur inspirieren lassen, nicht abkupfern!), der Austausch mit den anderen Studenten und: die Kritik! Glaubt man sich schon als große Künstlerin, bringt einen die Kritik dazu, sich doch noch nicht selbstzufrieden zurückzulehnen, sondern noch weiter an sich zu arbeiten. Kritik im Ideenentwicklungsprozess – die meisten Profi-Kreativen sind sogar überkritisch gegenüber ihren eigenen Schöpfungen – ist also wichtig, um am Ende aus einer netten Idee eine wirklich gute zu machen. Wenn das „Ach ich bin ja gar nicht kreativ“-Sensibelchen in ihrem ersten Kreativworkshop über das „Toll, aber…“ -Feedback zu ihrer ersten Idee schrecklich enttäuscht ist, könnte man auch sagen: „Such dir ein anderes Hobby, denn für Kreativität fehlt dir die Leidenschaft!“. Aber es soll ja heute jeder kreativ sein/werden, kann man also nicht bringen …

Fazit: Nieder mit dem Kreativitätsministerium!

„Kreativität kann man nicht in Kursen lernen“ sagt der Psychiater und Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla. Ein inspirierender Kreativitätstrainer kann sicher die Leidenschaft der Teilnehmer entfachen – aber auch das muss nicht unbedingt funktionieren, vor allem wenn man zu viele Leidenschafts-resistente Teilnehmer dabei hat. Und was ist, wenn nach zwei Tagen das Seminar vorbei ist? Wer entfacht dann die Leidenschaft weiter? Wer hilft mit Irritationen nach, um übliche Denkregeln zu brechen? Nach dem Seminar eine Kreativitätstechnik aus einer Textanleitung Schritt für Schritt nachzuverfolgen, ist ein bisschen wie Sex nach Anleitung: Der Höhepunkt bleibt aus.

Könnte man Ideen tatsächlich in klar voneinander abgegrenzten Bearbeitungsstufen entwickeln, wäre das vielleicht nicht weiter schlimm. Da aber die kreative Weiterentwicklung – die auch Monate und Jahre dauern kann – entscheidend ist (siehe oben), verglühen die vielleicht wirklich interessanten Ideenansätze aus den Workshops wie Sternschnuppen bei Eintritt in die Atmosphäre. Sie werden sofort aussortiert, oder spätestens wenn man nicht sofort eine Lösung für ein Umsetzungsproblem parat hat. Wenn dann die Ideen zu einer leichten Variation des Vorhandenen herunter gedampft werden (bzw. „verkommen“), gibt es auch keinen Kritiker, der brüllt: „Was ist das denn für ein Sch…!“. Ein Kreativitätsministerium, das Regeln erlässt und Methoden verordnet, kann es nur noch schlimmer machen.

Ausblick: Wie kann man denn kreativer werden, wenn man es unbedingt will oder muss?

Als sei das Buch „Kreativiert euch“ von Heusinger und Loko nicht schon Ende 2018 geschrieben worden, setze ich mit weiteren Praxistipps zur Verbesserung der eigenen Kreativität noch einen drauf (einfach, weil ich nicht als Miesmacherin in Erinnerung bleiben möchte und weil Artikel oder Bücher über Kreativität von Wiederholungen leben). Nicht alle folgende Empfehlungen sind daher brandneu, aber manchen existierenden Ratgeber-Tipps kann man sich auch durchaus anschließen. Die Liste ist auch alles andere als vollständig:

  1. Müssen oder Wollen ist schon verkehrt. Kreativität hat gewisse Ähnlichkeiten zu Humor: Man kann nicht über einen Witz lachen, weil man muss oder will, sondern nur, wenn man ihn LUST-ig findet. Da ist sie wieder: die Lust oder Leidenschaft
  2. Zwang birgt noch ein weiteres Problem: etwas anders zu denken und damit gewohnte Gewissheiten infrage zu stellen, bedeutet auch immer ein Gefühl von Unsicherheit, man bewegt sich schließlich auf neuem Terrain. Das fällt viel leichter, wenn es freiwillig und spielerisch geschieht und nicht unter Zwang und Erfolgsdruck (ist man bereits geübt kreativ, geht es aber durchaus auch unter Druck)
  3. Konkrete dauerhafte Praxis: Kreativwerden ist als Ziel völlig fragwürdig (schon in Ermangelung einer eindeutigen Definition von Kreativität, s.o.). Stattdessen kann man sich besser eine konkrete Aufgabe vornehmen, an der man Interesse hat: ein Regal selbst bauen, seine Kleidung selbst entwerfen (und dann auch selbst schneidern!) etc. Beschäftigt man sich länger und mit Leidenschaft mit solchen kreativen Aufgaben, holt man sich Inspiration und ist man nicht zu schnell mit sich selbst zufrieden, erlernt man das kreative Denken ganz von selbst. Das dauert jedoch!
  4. Von kreativen Lernstätten lernen, wie z.B. einer Kunstakademie: Man sollte sich öfter selbst eine „Mach doch, was du willst“-Situation zumuten. Niemand sagt einem, was man tun soll, also muss man sich zwangsläufig selbst etwas ausdenken. Oder sich in Situationen begeben, die ungewiss sind, z.B. einfach mal ohne Koffer verreisen. Auch dann ist man gezwungen, sich etwas auszudenken
  5. Grundsätzlich: Öfter mal die eigenen Gewohnheiten ändern, etwas Neues ausprobieren, in Fachbereiche hinein schnuppern, für die man sich eigentlich nicht interessiert (dabei kann man manchmal auch Leidenschaft entwickeln lernen, und wenn nicht, sucht man sich einen anderen Fachbereich, hat aber dennoch ein wenig Neues kennen gelernt)
  6. Alternativ: Wenn man nicht ohne Koffer verreisen möchte, kann man sich aber zumindest „Was wäre, wenn …?“ fragen und in der Vorstellung durchspielen, was passieren könnte und wie man auftauchende Probleme lösen würde
  7. Von echten Profis (hier z.B. Arno Dirlewanger, s.o.) lernen: z.B.: Science Fiction lesen oder öfter mal das Spiel „Ich bin auf einem fremden Planeten gelandet“ in Gedanken spielen, z.B. beim Einkaufen den Supermarkt als fremde Welt sehen und den Kassierer als Außerirdischen. Das schult das Denken jenseits von gewohnten Selbstverständlichkeiten

Hilft alles nichts? Dann seien Sie stolz darauf, dass Sie zu denjenigen gehören, die die Ordnung aufrechterhalten. Nicht auszudenken, wenn wirklich jeder ständig kreativ wäre! Sie wachen morgens auf und wissen nicht, ob die Welt noch in etwa so ist wie am Tag davor. Vielleicht hat die Müllabfuhr aus Ihrem Müll ein kreatives Kunstwerk geschaffen, anstatt ihn abzuholen. Vielleicht fährt der Busfahrer heute mal eine kreative Route, und ihre Kollegen haben sich kreativ überlegt, das Meeting in der Sauna abzuhalten, nur vergessen, Ihnen Bescheid zu geben usw. (und noch weit schlimmeres ist kreativ denkbar).

Es MUSS nicht jeder kreativ sein, nur weil das heute so von der Kultur verlangt wird!

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