Buchrezension: UN-Klimareport (5. Auflage)

Da KUL-TICK so selten Buchrezensionen veröffentlicht, möchte ich ausnahmsweise einmal über einen spannenden Science-Fiction Roman berichten, den es übrigens kostenlos im Netz gibt (leider nur auf Englisch, im Original: Fifth Assessment Report, AR5). Es ist ein Buch der Superlative: Mehr als 830 Autoren hat das Werk, und es wurde schon von mehreren Tausend Wissenschaftlern begutachtet und rezensiert (und das mit 99% 5-Sterne-Bewertungen). Wenn das keine Besprechung von KUL-TICK wert ist!

Lesezeit: 5 Minuten

Die Story

Das Buch ist so erfolgreich, dass es vermutlich demnächst nicht nur verfilmt, sondern sogar live auf großer Welt-Bühne aufgeführt wird (die Verhandlungen über die Rechte laufen wohl noch): Der „5. UN-Klimareport“ ist eine wirklich spannende Lektüre, mit dramatischen Wendungen aber auch ein paar Längen. Der Plot: Die Geschichte beginnt mit einer großen Gruppe von internationalen Wissenschaftlern, die sich nahezu 100% einig sind, dass ein sogenannter „Klimawandel“ passiert (und bereits in vollem Gange ist) und dass er ganz erheblich vom Menschen verursacht ist. Diese Ausgangslage der Story wird farbenfroh auserzählt, was richtig neugierig macht. Es werden „wahrscheinliche“ und „sehr wahrscheinliche“ Auswirkungen dieser Klimaveränderungen beschrieben, z.B. der Anstieg des Meeresspiegels, die Zunahme extremer Wetterereignisse, die Veränderungen globaler Wasserkreisläufe. Die Autoren beweisen hier wirklich Fantasie, auch wenn der Stil zuweilen etwas nüchtern wirkt. Zusätzlich werden die jeweils teils sehr gravierenden Folgen für die Welt in schönen und völlig plausibel klingenden Szenarien ausgemalt: Zwangsläufige Entwicklungen, die zum Untergang einer Welt führen, wie wir sie jetzt (noch) kennen. Also, da dämmert schon zu Beginn einiges an Unheil herauf.

Etwa ab der Mitte wird es, finde ich, etwas langatmig. Es wird recht trocken erklärt, wie sich dies alles mit mathematischen Wahrscheinlichkeiten berechnen lässt. Also was passiert, wenn sich die Erde in einem bestimmten Zeitraum um soundsoviel Grad weiter erwärmt (hier merkt man, dass sich das Buch doch wohl eher an den Hardcore-SF-Leser richtet). 1-2 Grad Celsius in den nächsten hundert Jahren wären vielleicht noch gerade ausreichend für dramatische und actionreiche Wendungen. Angeteasert wird dann aber eine Erwärmung von 3-4 Grad Celsius – sollte sich nicht bald und einschneidend etwas ändern. Das verspricht dann doch extreme Spannung!

Die Idee des Buchs

Überhaupt ist die Idee des Buchs genial. Eine Verwandlung, die alle betrifft, alles mitreißt, unabsehbare Folgen und letztlich ein offenes Ende hat, und in dem es um Leben oder Tod geht. Wir Menschen lieben doch die Dramatik, den Wandel, das Neue. Dramaturgisch geschickt: Fast in einem Nebensatz geht der Hinweis unter, dass bereits ab einer Temperaturerhöhung von 1,9 Grad Celsius die Wahrscheinlichkeit steigt, dass das grönländische Eisschild abschmilzt (hier wird das set für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu weit aufgespannt) und sich damit der Meeresspiegel um weitere sieben (!) Meter erhöhen würde. Das soll auch der Grund gewesen sein, weshalb man sich in der Klimapolitik (eine Geschichte, die im Buch parallel erzählt wird) auf das 2-Grad-Ziel geeinigt hatte (aber Gott sei Dank auf 3-4 Grad zusteuert). Eine schöne Verwebung der Ereignisse. Wirklich sehr gelungen!

Wirkungen des Buchs

Es soll übrigens auch schon Fortsetzungen geben, in denen weitere, und neue und überraschende Wendungen und Drehungen erzählt werden: Darin geht es um im Verborgenen operierende Organisationen (in einem dieser Fortsetzungsromane sind dies US-amerikanische wirtschaftsliberale Thinktanks, die gezielt Zweifel am menschengemachten Klimawandel streuen, und um Menschen, die darauf reinfallen: raffinierte Wendung!). Es geht um eine sog. „Groko“, die sich abwartend-aussitzend für ihre (zu) kleinen Erfolge selbst belobigt (für meinen Geschmack etwas albern und klischeehaft), oder um den größenwahnsinnigen Herrscher, der an einem einzigen verregnteten Sommertag die Entwicklung des Weltklimas vorhersehen kann wie der Krake Paul die Ergebnisse der Fußball-WM-Spiele. Inzwischen werden sogar mediale Live-Happenings rund um die 5. Ausgabe des Klimareports veranstaltet, und ein paar Skandale gibt es obendrein: Wie hieß noch diese jugendliche Schauspielerin, die bei irgend so einer TV-Gala schamlos die Ideen aus dem Buch abgekupfert hat? Und dann als Preis einen SUV dafür gewonnen hat? Oder wie war das? 

Ein Gedankenexperiment

Man müsste sich nur mal vorstellen, es handelte sich bei dem Buch nicht um Science Fiction (in der Tradition vom Planet der Affen), sondern um reale Ereignisse. Wie würden wir wohl darauf reagieren? So mal psychologisch gedacht. Vermutlich gar nicht! (erinnert mich an eine Studie zur Altersvorsorge, an der wir gerade arbeiten). Dafür gäbe es – so als Gedankenexperiment – sicher viele gute Gründe:

  • Gäbe es den Klimawandel wirklich, wäre er für uns einfach zu abstrakt und zu weit weg – wir können nun mal nur bis zum eigenen Horizont denken – oder bis zum Kühlschrank (aus dem ich mir jetzt noch ein kühles Bier holen werde). Das Jahr 2100 (oder noch später) ist doch für uns allenfalls etwas für ein Prequel von Star Trek, aber nicht Teil unserer Lebenswelt – die Andromeda-Galaxie ist schließlich auch über 2 Millionen Lichtjahre weit weg.
  • Wir würden uns sagen: „Was kann ich schon tun?“ Stimmt ja auch: Selbst, wenn ich jetzt ganz radikal wäre, mein Auto verschrotte (hätte ich denn eines), auf Flugreisen weitestgehend verzichte (blöd, mach ich auch schon) und mich nur noch vegan ernähre (ok, ich will mich ja nicht umbringen) – 2 Millionen (oder Trilliarden?) Chinesen und Inder würden es mir bestimmt nicht gleichtun. Überhaupt müsste doch erst einmal etwas in der „großen Politik“ passieren.

(By the way, das Buch wird sogar schon in der Schule gelesen, vermutlich im Deutschunterricht, und es werden wilde Motto-Partys gefeiert, immer freitags. Ganz nach dem Motto: Wir wollen nicht im Leistungskurs Physik lernen und irgendwann später mal, nach vielen Jahren und nach etlichen Bachelors und Masters, die Erwachsenen-Rollen des Buchs nachspielen, nein, wir wollen jetzt Spaß haben!)

  • Der Mensch an sich – wie ich persönlich in vielen wissenschaftlichen (Selbst-) Studien bestätigen konnte – wäre dafür einfach viel zu bequem, so im Allgemeinen, und nicht wenige lieben einfach Autos, Fernreisen und Wurstbrote, so im Speziellen. Manchmal ist der Mensch an sich auch einfach schlicht.
  • Dagegen spräche auch, dass wir doch im Grunde positiv denken, also im Grunde optimistisch sind, grundoptimistisch quasi. Niemand würde sich etwas ernsthaft vorstellen wollen, das unsere Existenz bedroht, oder das sogar erst nach unserem Tod – mit dem will man sich doch erst recht nicht auseinandersetzen. Und selbst wenn es früher passieren sollte, dann fällt uns schon noch etwas ein. Alles andere lässt sich ja auch irgendwie regeln (irgendwer kennt bestimmt irgendwen…).
  • Außerdem würde es ohnehin niemanden überzeugen, wenn – wie im gelungenen Plot des Buchs – nur über „Wahrscheinlichkeiten“ gefaselt wird. Wenn etwas „sehr wahrscheinlich“ ist – „sicher“ ist das allemal nicht.

Aber – wenn ich das für mich mal weiterspinne – ich wäre ja fasziniert davon, an einer so großartigen globalen Entwicklung wie dem Klimawandel teilzuhaben, also wäre so eine Geschichte real. Mir ginge das vermutlich sogar alles viel zu langsam. Denn: Statt nur in Wiki mal etwas über das Massensterben im Perm und Wurm zu lesen, oder was über das Verschwinden der Neandertaler, wäre man mittendrin. Wenn das nicht das Ego aufwertet!

Außerdem, sollte sich dann Deutschland zum subtropischen Paradies wandeln, und Palmen vor unserem Atelier-Fenster wachsen und unser Olivenstrauch auf dem Balkon üppig gedeihen – und das noch bei ewiger Sommerzeit (Jean-Claude Juncker sei Dank) – dann frohlockt doch insgeheim die nach Verwandlung (und kühlem Bier) dürstende Seele. Außerdem ist Winters hier eh zu kalt. Summer forever! (haben nicht die meisten Deutschen auch für die dauerhafte Sommerzeit abgestimmt?). Eiszeit, das wär‘ scheiße, da würde vermutlich sogar ich aktiv werden, sogar freitags (montags wär mir allerdings lieber), aber gegen eine schnuckelige Warmperiode könnte doch kein genußfreudiger hormon sapiens etwas einwenden…

Na ja, leider ist es nur ein Buch.

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Achtung: Satire!

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