Invasion vom Mars

Wieso die Corona-Krise unsere Welt vermutlich dauerhaft und nachhaltig verändern wird, und warum uns das Hoffnung machen sollte – gewagter Versuch einer kulturpsychologischen Einordnung

Lesezeit: 7 Minuten

Zwei Fragen beherrschen derzeit unseren Alltag: Wo bekomme ich noch Toilettenpapier, und wo gibt es Mehl? Wer zu philosophischer Tiefsinnigkeit neigt, fragt sich vielleicht noch, was in aller Welt machen die Menschen mit dem ganzen Mehl? Ich kann es bestätigen, ich war gerade bei Aldi in Köln-Poll, gleich hier neben unserem Atelierhaus.

Ich möchte mich aber gar nicht mit dem Symptom „Hamsterkauf“ beschäftigen, darüber haben sich andere schon ausreichend ausgelassen oder lustig gemacht. Aber KUL-TICK ist ein Kultur- und Psychologie-Blog, und was da gerade im ganz großen Stil passiert, kann für unsere Alltagskultur nachhaltig große Auswirkungen haben, und nicht unbedingt (nur) negative. Ich bin mir auch sicher, dass uns das Thema mit all den Auswirkungen in den nächsten Jahren in unserer Forschungsarbeit zwangsläufig intensiv beschäftigen wird, egal mit welcher Branche wir es zu tun haben.

Für eine seriöse Analyse ist es natürlich zu früh, das wird man allerfrühestens in den nächsten Wochen tun können, wir stecken ja gerade mitten drin in einer Entwicklung, die noch völlig offen ist. Es fallen mir – mit dem kulturpsychologischen Blick – jedoch einige Dinge besonders auf, und eine Vermutung drängt sich mir auf.

Ich sehe zwei, sagen wir Themenkomplexe, die gerade hervorkommen. Sie erscheinen geradezu überdeutlich und werden von uns neu verrechnet: Ich nenne sie mal provisorisch Solidarität und Egoismus (nicht ganz psychologisch korrekt, und auch wertend, aber ist ja auch nur vorläufig). Klingt jetzt banal, ist es aber vermutlich nicht, wie ich zeigen möchte.

Zunächst eine kleine Selbstbeobachtung. Vorgestern, am Samstag, hatte ich eine Vorlesung an der Hochschule, eine Blockveranstaltung von 8 Unterrichts-Stunden am Stück. Kurz bevor hier in NRW komplett alle Schotten dicht gemacht wurden. Ich beobachtete bei mir ein leises Unbehagen ob der Entscheidung, diese Veranstaltung nicht zu verschieben (der reguläre Semesterstart an anderen Hochschulen war schon verschoben worden). Dazu mischte sich Irritation und sogar Ärger, als ich während der Vorlesung merkte, dass offenbar einer der Studierenden zumindest leicht erkältet war. Ja ja, die Honorardozenten können sie ja verheizen, typisch private Uni, war so ein verräterischer Gedanke in mir. Immerhin konnte ich einigen Abstand wahren, und Desinfektionsmittel gab es reichlich.

Am nächsten Tag habe ich mich in einer Mail an die Hochschule freundlich „beschwert“ und um Alternativen für die kommenden Veranstaltungen gebeten, etwa Online-Unterricht. So ein bisschen kam ich mir dabei vor wie ein Denunziant. Als würde ich melden, dass jemand verbotenerweise gehustet hat. Wie kann man auch nur so verantwortungslos sein, und die eigenen Interessen so egoistisch über das Gemeinwohl stellen! Soweit die Gedanken, bei denen ich mich erwischte. Argumentiert habe ich in der Mail übrigens nicht mit meinem eigenen Schutz, sondern wörtlich mit unserer „gesellschaftlichen Verantwortung“. Die Antwort von der Hochschule kam prompt und war extrem verständnisvoll und entgegenkommend. Die nächste Veranstaltung wird online über Zoom stattfinden. Offenbar hänge ich da irgendwie mitten drin in dieser Polarität von Solidarität und Egoismus, ohne dass mir das bewusst war.

Solidarität wird von allen Seiten beschworen, von Politikern und Nachbarn oder auf Facebook, und alle machen mit, alle verstehen es und übertreffen sich darin, sich und anderen mit den tollsten Metaphern oder Grafiken mit hohen und flachen Kurven (gibt es sogar mit Katzen) zu erklären, dass wir nur alle gemeinsam das Problem lösen können. Ganz überwiegend glauben die Menschen das auch, und es tut ihnen auch irgendwie gut. In Italien werden schon Lieder von den Balkonen darüber gesungen.

Screenshot von heute (WDR Lokalzeit Köln)

Dass der Egoismus nicht aus der Welt ist, merkt man spätestens, wenn man z.B. beim Aldi in Köln-Poll Toilettenpapier oder Mehl kaufen möchte. Ich merke es z.B. an den eigenen Gedanken und besser Unterstellungen während der Vorlesung vorgestern. In den Nachrichten gestern wurden junge Menschen interviewt, die aussagten, dass es ihnen wichtiger sei, zu feiern. Wurde nicht gerade ausdrücklich von „Corona-Partys“ abgeraten? Das Egoistische wird plötzlich in Reinform beschaubar und frei gelegt. Es steht förmlich isoliert, herausgestellt und angreifbar in seiner prallen „Arschlochhaftigkeit“ vor einem. So kann man es besonders leicht bashen oder sich darüber lustig machen. Und die so Entblößten haben dann auch keine Argumente mehr, oder sie werden zwangsläufig an der unbestechlichen Wirklichkeit des Virus scheitern. Selbst ein Donald Trump oder Boris Johnson kann sich die Welt nicht mehr so zurechtmachen, wie er möchte.

Darin steckt eine ungeheure Vereinfachung. Eine solche Vereinfachung kennt man auch aus der Science Fiction, wenn nämlich Außerirdische den Planeten Erde angreifen und die „Menschheit“ im Ganzen herausfordern. Dann wird alles andere zweitrangig oder verschwindet. Man kommt nur noch als Menschheit gemeinsam raus aus der Nummer. Corona hat Auswirkungen wie eine Invasion vom Mars. Eine, die bis in unser Innerstes vordringt, mindestens bis in Küche und Toilette (wir erinnern uns: Mehl und Klopapier – Zufall?). Sprach Trump nicht anfangs von einem „außerirdischen Virus“? Nein, ich glaube, es war „ausländisch“ (als hätten Viren einen Pass – was aber vermutlich mehr an den Denk-Schemata von Herrn Trump liegt, mit denen er die Welt ordnet).

Natürlich gibt es dann immer auch die Bösewichter, die versuchen, ihre eigenen Interessen auf Kosten aller anderen durchzusetzen. In der Science Fiction wegen der Dramaturgie, im richtigen Leben, weil das eben auch zum Menschsein dazugehört. Und manchmal muss man beides auch neu verrechnen und mit sich verargumentieren. Unser Foto-Shooting für eine Werbeanzeige kommenden Freitag werden wir nicht absagen, was aber mit allen Beteiligten abgewogen werden musste – und zwangsläufig jeder auch mit sich selbst, weil selbst bei einer solch scheinbar kleinen Entscheidung immer die globale Gemeinschaft mit am Tisch sitzt und einen fragend anguckt.

Eine solche Vereinfachung der Welt ist etwas Grandioses, es gibt wieder klare Fronten, wieder Gut und Böse, ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Weg dorthin, und der ist, wie sich das für ein anständiges Drama des Lebens gehört, lang und hart. 

So etwas kann man als Selbstbehandlung unserer globalen Kultur verstehen, wenn man sich klar macht, auf welchen Boden dieser (unfreiwillig aufgezwungene) „Game Change“ trifft. Wir haben ja in der jüngsten Vergangenheit viel geforscht zur Befindlichkeit unserer Kultur und zur Digitalisierung des Alltags. Digitalisierung wäre psychologisch viel zu eng gefasst, wenn man es mit digitalen Geräten gleichsetzte oder mit der Möglichkeit von Home Office. 

Es hat zu tun mit einer fragmentierten, überkomplexen, beschleunigten Welt voller Vielfalt, Möglichkeiten und einer unbegrenzten Verfügbarkeit, die alle Lebensbereiche durchdringt und verändert. Eine Welt, die viele Chancen bietet, wenn man sich darauf einlässt und kluge Lebens-Strategien entwickelt. Eine Welt, die aber auch beunruhigt und bedrohlich wirkt, alleine schon deshalb, weil man per Push-Nachricht die neuesten und meist wenig optimistisch stimmenden Weltereignisse brühwarm und in Echtzeit in die Hosentasche geliefert bekommt, und dies in zig verschiedenen Versionen von Wahrheit. Eine Welt, die es nötig macht, einen Umgang mit ihr zu finden, und diese Umgangsformen haben in vielen Fällen zu tun mit Verdrängungen, Leugnungen, Zurechtmachungen, multiplen Aufspaltungen und sich unversöhnlich gegenüber stehenden Weltbildern. Psychologisch betrachtet ist die AfD übrigens auch ein Symptom der Digitalisierung bzw. repräsentiert eine Form des Umgangs mit der für einige schmerzlichen Zeitenwende, in der wir gerade leben.

Das alles hat jetzt Pause.

Dank Corona.

Durchatmen. Zuhause bleiben. Herunterfahren. Solidarität beschwören. Arschlöcher bashen. Netflix gucken. Das entlastet. Sogar dem Klima tut es nachweislich gut. Die ganze Separiererei ist im Moment ziemlich unmodern und auch irgendwie sinnlos. Der Feind ist ein Alien.

Virus
Ein „Virus“ von Wolfgang Freund (hängt bei uns im Wohnzimmer)

Die Pause wird sich wohl noch etwas hinziehen. Und auch dann werden wir vielleicht sehr langsam wieder ins normale Leben zurückfinden. Vielleicht wird es sich anfühlen, wie aus einem langen Schlaf zu erwachen, die Sonne zu begrüßen und sich wieder frei zu fühlen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass danach alles beim Alten bleiben wird. Vordergründig vielleicht, aber was passiert mit unserer kulturellen Grundbefindlichkeit? Wieder streiten, spalten, verdrängen und zurück in die globalisierte, schnelllebige Besinnungslosigkeit? Oder ein Stück der uns so viel Halt gegebenen Solidarität bewahren? Die Multioptionalität unserer Welt nach Sinn und Wert hinterfragen? Ihre Chancen sehen, für uns alle, nicht nur für den Einzelnen?

Meine Vermutung ist, dass die Karten gerade neu gemischt werden. So wie damals nach 9/11, nur diesmal in eine ganz andere und hoffentlich bessere Richtung. Vielleicht werden wir irgendwann sagen, dass wir den Virus brauchten, um uns weiterzuentwickeln. Ist jetzt gewagt, gebe ich zu. Erstmal müssen wir überhaupt da durch, und da gibt es noch ein paar sehr faktische existenzielle, wirtschaftliche Gefahren, für Arbeitnehmer, und gerade auch für Selbständige. Wir werden sehen. Die Versprechen der Politik sind groß, und das müssen sie auch sein, weil es eben viele, eigentlich alle, die ganze Weltgemeinschaft betrifft.

Wir wollen übrigens die nächsten vermutlich ruhiger werdenden Wochen nutzen, viele liegengebliebene Projekte anzugehen, Kunst machen, Filme produzieren (für die Akquise im ‚kulturellen Frühling‘ nach Corona), die 2. Auflage unseres Buchs angehen. Trotz allem schauen wir hoffnungsvoll in die Zukunft. Und heute Abend wird der Katastrophenfilm, in dem wir gerade leben, erst mal abgeschaltet und wir tauchen wieder ein in das wirkliche Leben von Star Trek Voyager (ist gerade ‚unsere‘ Serie auf Netflix).

… und schließe mit dem gerade angesagten Abschiedsspruch:

„Bleibt gesund!“ 

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