Warten auf Godot

Haben Forschungsergebnisse und Innovationen „nach Corona“ noch Bestand? Warum diese Frage an der Sache vorbei geht und im schlimmsten Fall zu fatalen Schlussfolgerungen führt.

Ein Kommentar

Lesezeit: 2 Minuten

In letzter Zeit begegnet mir immer häufiger eine merkwürdige Frage und eine damit verbundene implizite Annahme.

  • Die Frage: Haben psychologische Forschungs-Erkenntnisse, Innovationen, Strategien, Kommunikation auch „nach Corona“ noch Bestand?
  • Die Annahme: Es gibt nach Corona (wann soll das eigentlich sein, wenn alle geimpft sind?) eine Welt, die wieder berechenbar, beständig, sicher, einfach und eindeutig ist, eine Welt, in der man lange im voraus planen kann, in der sich das Verhalten der Menschen berechnen und vorhersagen lässt, in der sich die Bedingungen des Lebens, der Wirtschaft, des Konsums kaum verändern.

Nun weiß man nicht erst seit gestern, dass die Komplexität, Unsicherheit und Versatilität unserer Lebenswelt stetig zunehmen. Nicht umsonst spricht man seit einiger Zeit von einer VUCA-Welt. VUCA steht für volatility, uncertainty, complexity und ambiguity. Nicht umsonst ist das Wort Agilität seit einigen Jahren in aller Munde. Agilität bedeutet nicht, einfach nur schneller zu werden, sondern sich durch das Denken in kurzen Zeiträumen den sich immer schneller werdenden Wendungen der Rahmenbedingungen anzupassen: Eine Strategie des Umgangs mit der VUCA-Welt. 

Seit der Corona-Pandemie ist unsere Welt noch mehr VUCA geworden. Nichts ist mehr sicher. Bedingungen können sich schnell ändern. Das Erleben und Verhalten der Menschen ändert sich im Wochentakt. Was mit kollektiver Verdrängung begann, wuchs sich zu einer großen und Hoffnung machenden Solidarität aus, nur um ein paar Wochen später in neue (oder alte) Spaltungen aufzubrechen. Wer weiß, was die nächsten Wochen bringen werden.

Auch „nach Corona“ wird sich daran nichts grundlegend ändern. Nicht nur die nächste, mögliche Pandemie wird bereits jetzt in Betracht gezogen. Es gibt genügend andere Entwicklungen, die für Veränderungen und Unsicherheiten sorgen, auf der politischen Bühne, in Wirtschaftsstrukturen, bei der fortschreitenden Digitalisierung. Die aktuelle Krise treibt nur auf die Spitze, was sich seit Jahren und Jahrzehnten abzeichnet. Ist es da nicht recht blauäugig, zu denken, dass wir uns „nach Corona“ wieder in einer Vor-VUCA-Welt wiederfinden? Einer Welt, die berechenbar, beständig, sicher, einfach und eindeutig ist?

Es macht also überhaupt keinen Sinn, jetzt Forschungsaktivitäten ein- oder Innovationen zurückzustellen, und auf eine schöne, stabile Welt „nach Corona“ zu warten. Ich vermute eher, dass die, die jetzt zu lange abwarten, am Ende den Anschluss verlieren. Es braucht hingegen andere Strategien. Das Agile ist eine Möglichkeit. Nicht in langen Zeitabschnitten denken, sondern flexibel agieren, sich in die Lage versetzen, jederzeit die Richtung ändern zu können. Ein tieferes Verstehen der Entwicklungen ist eine weitere, sie schafft eine gewisse Berechenbarkeit trotz der unsicheren Verhältnisse. Menschen und ihre tieferen Grundbedürfnisse bilden eine gewisse Konstante. Das hindert im übrigen auch nicht daran, eine übergreifende Vision zu entwickeln und diese unbeirrt zu verfolgen, solange man in den einzelnen Schritten flexibel und anpassungsbereit bleibt. Mehrere solcher Strategien machen einen Plan, und für den braucht man Wissen, Kreativität, Wachsamkeit und ein wenig Mut. Abwarten ist definitiv der falsche Plan.

„Warten auf Godot“ ist der Titel eines weltberühmten Theaterstücks von Samuel Beckett und inzwischen zu einer Redewendung geworden. Gemeint ist endloses, vergebliches, sinnloses Warten.

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