Balkonlampe: Genügsame Erleuchtung

 

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Mitte Februar, grottenkalt draußen aber sonnig. Da leuchtete sie, dieses Jahr das erste Mal aus dem Winterschlaf erwacht, unsere kleine solarbetriebene Balkonlampe. Ein erfreulicher Anblick, denn die helle Jahreszeit kündigt sich offenbar an. Sie hatte das erste Mal dieses Jahr tagsüber genug Licht tanken können, um ihren Dienst anzutreten.

Wir hatten allerlei für den Balkon unserer neuen Wohnung im Baumarkt zu kaufen, da entdeckten wir an einem Wühltisch nahe der Kasse – dort, wo man Sachen noch eben so im Vorbeigehen mitnimmt – diese Solarlampen für Garten und Balkon und haben eine noch eben so im Vorbeigehen mitgenommen, kann man ja gebrauchen. Wir haben sie am Balkongeländer befestigt. Es dauerte ein paar Tage, bis sie das erste Mal genug Sonne abbekam, um ihren Dienst anzutreten – normale Lampen macht man einfach an, sie hat nicht einmal einen Schalter – und ja, wir waren schon etwas enttäuscht.

Sie leuchtete zwar und auch recht lange, dass sie aber auch irgendetwas BE-leuchtete, davon konnte nicht die Rede sein. Um das Haltbarkeitsdatum auf der Verpackung der Grillwürstchen lesen zu können, nützte nicht einmal ganz nah dran gehen. Gut, sie war nicht teuer gewesen, aber ihre Anschaffung erschien uns dennoch irgendwie überflüssig, ein Fehlkauf, sollte sie doch auf dem Balkon auch für ein wenig Erhellung sorgen.

Sie leuchtet so vor sich hin oder auch nicht, wenn der Tag nicht sonnig genug war, auch abhängig von der Jahreszeit. Inzwischen mögen wir sie aber trotzdem, haben sie regelrecht in unser Herz geschlossen, nicht nur, weil sie für uns eine Art Lichtmesser ist und man sich abends beim Blick auf den Balkon noch einmal freudig daran erinnern kann, was das für ein schöner sonniger Tag war. Sie hat einfach irgendwie Charakter: Geht an und aus, wann sie es für richtig hält und nicht, wie man das sonst so von dienstbaren Dingen gewohnt ist. Sie ist also höchst eigenwillig, das macht sie sympathisch. Ihre Verweigerung, genug Licht zu spenden, um irgendetwas Umliegendes zu beleuchten, kann man auch als tugendhafte Selbstgenügsamkeit verstehen.

Was braucht es Verschwendung, um erleuchtet zu sein? Was soll die demonstrative Verausgabung, um anderen zu zeigen, welch leistungsstarke Leuchte man ist? „Erleuchtung ist die erwartungsfreie Hingabe an den Augenblick.“ schreibt der Schweizer Philosoph Richard Ginnow und richtig, wir erwarten nicht mehr von unserer Balkonlampe, dass sie uns das Sehen im Dunkeln erleichtert, denn „Erleuchtung kannst du nicht erlangen. Sie kommt zu dir, wenn du aufgehört hast [nach dem Haltbarkeitsdatum auf der Grillwürstchen-Verpackung] zu suchen.“  (Irina Rauthmann, deutsche Aphoristikerin und Lyrikerin).

Sie ist nicht nur eigenwillig und selbstgenügsam, sondern auch autark, sorgt für ihre Energie selbst. Ein Trickfilmer erzählte mir mal, dass er Kühe besonders mag, weil sie eine Art autarkes Ökosystem für sich bilden. Sie fressen das Gras und scheißen dann wieder Dünger aus, damit das Gras wachsen kann. Sind andere Lampen nur Gebrauchsgegenstände, lässt die Autarkie unsere Balkonlampe fast wie ein Lebewesen erscheinen, aber eines dessen Art zu leben und Sicht auf die Welt wir nicht verstehen, uns aber bei ihrem Anblick gewahr werden können.

Ja, es gibt noch andere Arten der Existenz, jenseits von Ehrgeiz und hektischer Betriebsamkeit, jenseits vom Willen, sich die Welt Untertan zu machen und Städte mit Flutlicht und allerlei um Aufmerksamkeit blinkenden Leuchtquellen der Lichtverschmutzung auszusetzen und dabei Unmengen an Energie zu verbrauchen. „Lichtsmog stört die Finsternis und ganze Ökosysteme…“  berichtet der Bayrische Rundfunk. Diesen Vorwurf kann man unserer Balkonlampe nicht machen! Nicht einmal die Motten interessieren sich für sie. Wären alle Lampen nur so selbstgenügsam wie sie, könnten wir uns das elektrische Licht aber auch ganz sparen. Jetzt mal wieder ganz nüchtern betrachtet und vom philosophischen Erleuchtungstrip runter gekommen, mach ich unsere Tageslichtlampe im Atelier an, damit ich auch im Dunkeln noch malen kann, sehr praktisch!

Wir schreiben etwa das Jahr 3000. Die Städte sind verwaist, die Häuser zerfallene Ruinen geworden. Über der ehemaligen Stadt liegt ein staubig-düsterer Dunst. Da hängt sie immer noch, schräg am halb zerfallenen Balkongeländer und leuchtet selbstgenügsam tapfer vor sich hin.

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